Erziehung neuer Menschen

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FÜRSORGE

Erziehung neuer Menschen

Die Wiener Gauleitung der NSDAP empfing am Samstagnachmittag, dem 13. Mai 1933, eine Delegation von Parteigenossen aus Deutschland und hielt am Abend eine Massenkundgebung in der ab, die für den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich unter Adolf Hitler warb. Am folgenden Sonntagvormittag, dem 14. Mai, kamen tausende Heimwehrleute im zur "" des Heimatschutzverbandes zusammen, um für ein selbständiges, autoritär geführtes Österreich einzutreten. Aber was machte die Sozialdemokratie an diesem ereignisreichen Wochenende, also jene politische Kraft, die Wien seit 1919 mit absoluter Mehrheit regierte?

Am Samstag erschien in der Arbeiter-Zeitung eine programmatische Erklärung der sozialdemokratischen Parteiführung, wonach ihre Linie vom Herbst 1918, als mit dem Ersten Weltkrieg auch die Monarchie der Habsburger endete, im Prinzip weiterhin gelte: (Deutsch-)Österreich solle Teil der demokratischen Deutschen Republik werden.  Dieser Grundsatz bedeute zugleich, dass ein Anschluss an das NS-Regime, das seit Ende Jänner 1933 in Deutschland errichtet wurde, ausgeschlossen sei. Im Gegensatz zur Christlichsozialen Partei, die das Land gemeinsam mit den Heimwehren faschistisch umgestalten wolle, spreche sich die Sozialdemokratie für ein demokratisch-republikanisches, friedlich-neutrales Österreich aus, das deutscher Freiheit und Kultur ein Asyl bieten müsse, bis sich Deutschland vom Faschismus befreit habe. 

Um diesen Worten Taten folgen zu lassen, wurden am Sonntagvormittag, während in Schönbrunn die "Türkenbefreiungsfeier" stattfand, in allen Wiener Gemeindebezirken "Festkonzerte und Sportveranstaltungen" abgehalten, die als "Freiheitsfeiern für die Ideen der Freiheit, der Republik und des Sozialismus" werben sollten. 

Eine der rund fünfzig "Freiheitsfeiern" fand im in Döbling im Norden Wiens statt, wo sich ein Demonstrationszug zwischen den beiden Innenhöfen bildete und außer Musikerinnen und Musikern auch Kunstradfahrer und Jongleure auftraten. Zwischen den Vorführungen hielten sozialdemokratische Funktionäre Ansprachen zur Idee der "Freiheitsfeiern", namentlich der Nationalratsabgeordnete Heinrich Allina, der Wiener Gemeinderat Karl Reisinger und der Döblinger Bezirksrat Oskar Passauer. 

Pragmatisch gesehen, waren diese Veranstaltungen eine erfolgreiche Strategie der Parteiführung, um gewaltsame Auseinandersetzungen zu verhindern. Die Wiener Sozialdemokratie hielt der zentralisierten "Türkenbefreiungsfeier" eine Vielzahl von "Freiheitsfeiern" entgegen, die über die ganze Stadt verteilt waren.  So spielten sich die Konflikte vor allem zwischen der Polizei und jenen Nationalsozialisten ab, die gegen die protestierten. 

Diese fürsorgliche Haltung war ebenso typisch für die Politik des "Roten Wien" wie der Ort der Kundgebungen – die kommunalen Wohnbauten – und das Konzept einer sozialistischen Gegenkultur, das in den "Freiheitsfeiern" zum Ausdruck kam. 

Nachdem der 1919 unterzeichnete Staatsvertrag von St. Germain den Anschluss an Deutschland verboten und sich die Sozialdemokratie im folgenden Jahr aus der österreichischen Bundesregierung zurückgezogen hatte, blieb der 1889 gegründeten Arbeiterpartei nur die Hauptstadt, um ihre Politik umzusetzen.  Wien, die langjährige Residenzstadt der Habsburgermonarchie, sollte in eine sozialistische Modellregion verwandelt werden, die weder in kleinbürgerlichem Reformismus verharrte noch der bolschewistischen Revolution in Russland nacheiferte. Der "Austromarxismus", schrieb sein wichtigster Ideengeber, Otto Bauer,  1927 in einem Leitartikel der Arbeiter-Zeitung, sei die Vereinigung von nüchterner Realpolitik und revolutionärem Enthusiasmus. 

Im Wiener Modell wurde diese Synthese vor allem in einem vernetzten Fürsorgeprogramm und im kommunalen Wohnbau realisiert, die als Infrastrukturen zur Bildung eines sozialistischen Menschenschlags dienten.

"Neue Menschen" war nicht nur eine Parole im "Neuen Wien" der 1920er Jahre, sondern auch der Titel eines 1924 erschienenen Buchs von Max Adler, der ebenfalls zu den maßgeblichen Theoretikern des Austromarxismus zählte.  Diese Programmschrift über sozialistische Erziehung stellt dem Historischen Materialismus, wonach das menschliche Bewusstsein von ökonomischen Strukturen bestimmt ist, das aufklärerische Ideal entgegen, dass Menschen durch Selbstbildung die Gesellschaft, in der sie leben, verändern können. Was also ist Erziehung im sozialistischen Sinn? Adler antwortet: "Geistige Loslösung der Kinder aus der alten Welt des Kapitalismus, in der sie geboren wurden, und Vorbereitung für eine neue Welt, die sie aufbauen sollen, für die Welt des Kommunismus." 

Der Fokus lag auf den Kindern und Jugendlichen als dem "Bauvolk der kommenden Welt", wie es in einem Wiener Arbeiterlied hieß.  Väterlich anleitend und mütterlich fürsorgend war allerdings das Verhältnis der Parteiführung zu allen Genossinnen und Genossen, die zur klassenlosen Gesellschaft erzogen werden sollten.

Bezeichnend für das Bildungsideal des Austromarxismus ist auch das Abschlusskapitel von Adlers Buch, das sich mit der "Nationalerziehung" des deutschen Philosophen Johann Gottlieb Fichte befasst. In dessen Reden an die deutsche Nation von 1808 sei "deutsch" keine Sache der Abstammung oder Sprache, sondern des Charakters und der Gesinnung. 

Seine Nationalerziehung ziele auf die "Schaffung eines Vernunftreiches, eines Sozialstaates, aber durch jenes Volk, das er in erster Linie hiezu berufen sieht, durch das deutsche Volk." 
Das Rote Wien, wo Menschen mit vielfältigen kulturellen Herkünften lebten, sollte dieses "Vernunftreich" im Kleinen vorwegnehmen. Dabei ging es – ob in Fichtes Sinn oder nicht, sei dahingestellt – keinesfalls um eine rassische Vorherrschaft. Das Bildungskonzept der österreichischen Sozialdemokratie, deren Wortführer wie Max Adler und Otto Bauer oft jüdischer Abstammung waren, orientierte sich aber eindeutig am bürgerlichen Ideal deutscher Hochkultur, wie es am Gymnasium gelehrt wurde. 

Dieser aufklärerische Gestus mag in der Sozialisation der Parteivorsitzenden begründet gewesen sein, die Betonung der kulturellen Revolution diente jedoch zunehmend als Ersatz für politischen Einfluss. Die österreichische Bundespolitik wurde ab 1920 von der Christlichsozialen Partei bestimmt, und in Wien waren die Gestaltungsmöglichkeiten auf jene Bereiche beschränkt, die gemäß der Bundesverfassung zu den Kompetenzen der Länder gehörten (z.B. das Baurecht und die Sozialhilfe). Neben den Massenkundgebungen wie der alljährlichen Feier zum Ersten Mai, die 1933 aufgrund des Aufmarschverbots nicht stattfinden durfte,  verfügte die Arbeiterpartei über ein dichtes Netz an Kulturorganisationen, die von der Sozialistischen Bildungszentrale und der Sozialdemokratischen Kunststelle koordiniert wurden.

Während die Bildungszentrale u.a. für Publikationen, Bibliotheken, Vorträge und die Arbeiterhochschule zuständig war, ermöglichte die 1919 eingerichtete Kunststelle, aufbauend auf Initiativen wie den Arbeitersymphoniekonzerten und der Freien Volksbühne, den ärmeren Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohnern, mit vergünstigten Eintrittskarten die Wiener Theater zu besuchen. 

1924 wurde außerdem der Arbeiterbund für Sport und Körperkultur in Österreich (ASKÖ) gegründet, dessen zahlreiche Mitglieder Sport als gemeinschaftliche, Körper und Geist vereinende Erfahrung betreiben sollten.  Nachdem Julius Deutsch, der Obmann des paramilitärischen Republikanischen Schutzbundes, 1926 den ASKÖ-Vorsitz übernommen hatte, wurde allerdings deutlich, dass die sozialdemokratische Sportorganisation nicht nur gesunde, sondern auch wehrhafte Körper heranbilden wollte, also "Parteisoldaten" im buchstäblichen Sinn. 

Mit ihrer Mischung aus Konzerten, sportlichen Vorführungen und Ansprachen der Parteifunktionäre fügten sich die "Freiheitsfeiern" vom 14. Mai 1933 nahtlos in die Festkultur des Roten Wien. Dass anstelle einer zentralen Massenkundgebung rund fünfzig lokale Veranstaltungen abgehalten wurden, hing mit dem erwähnten Aufmarschverbot zusammen, das die Bundesregierung nur für die gleichzeitig stattfindende "Türkenbefreiungsfeier" aufgehoben hatte. 

Mit den kommunalen Wohnbauten, die seit 1919 im ganzen Stadtgebiet errichtet wurden, war die geeignete Infrastruktur vorhanden, um eine dezentrale Gegenöffentlichkeit zu bilden.  Der 1930 eröffnete, ungefähr einen Kilometer lange Karl-Marx-Hof war mit seinen fast 1.400 Wohnungen für etwa 5.000 Personen einer der größten Wiener Gemeindebauten. 
Seine beiden Höfe, in denen die "Freiheitsfeier" abgehalten wurde,  sind durch einen gut 10.000 Quadratmeter großen Platz verbunden, den in östlicher Richtung eine Gebäudefront mit sechs, rot verputzten Turmaufbauten begrenzt.  Von der Heiligenstädter Straße aus gesehen, wirkt dieser Vorplatz wie ein Ehrenhof, der in der barocken Architektur die Funktion hatte, die BesucherInnen auf die zentrale Macht, die göttliche Würde des Fürsten bzw. der Fürstin vorzubereiten. 
Im Fall des Karl-Marx-Hofs führt die cour d'honneur aber nicht zu einer fürstlichen Residenz, sondern vom Bahnhof Heiligenstadt im Osten durch die Triumphbögen des Mitteltrakts zu dem etwa 500 Meter westlich gelegenen Stadion Hohe Warte, das in den 1920er Jahren zu den größten Sportplätzen Europas zählte und regelmäßig tausende Fußballfans anzog. 

Die Architekturkritik hat darauf hingewiesen, dass die Fassadengestaltung des Karl-Marx-Hofs auf Kosten der Wohnqualität ging. Denn für die Maschinenästhetik der Turmaufbauten mit ihren Fahnenmasten und Durchgängen, die an den italienischen Futurismus und den russischen Konstruktivismus erinnert, mussten enge, ungünstig beleuchtete und schlecht belüftete Zimmer in Kauf genommen werden. 

Die Eröffnungsbroschüre zitierte einen Leitspruch von Otto Wagner, dessen architektonische Prinzipien die Gestaltung der Gemeindebauten nachhaltig prägten: "artis sola domine necessitas, der Kunst einzige Herrin ist die Notwendigkeit". 
Der "Zeitgeist-Architekt" 
Karl Ehn, der selbst ein Schüler Wagners und sein ganzes Berufsleben lang für das Wiener Stadtbauamt tätig war, beherzigte diesen Grundsatz beim Entwurf des nach dem Begründer des Marxismus benannten Karl-Marx-Hofs allerdings auf eine widersprüchliche Art und Weise. Während etwa die großen Grünflächen der Innenhöfe für das Zusammenleben der BewohnerInnen "notwendig" waren,  bestand die "Notwendigkeit" des monumentalen Mitteltrakts und des repräsentativen Ehrenhofs in der propagandistischen Wirkung auf die Passantinnen und Passanten. Als Wohnraum ist dieser Gebäudeteil relativ unwichtig und dysfunktional, als Symbol für das Rote Wien erfüllt er aber bis heute seinen Zweck.

Politisch bedeutsam sind auch die Skulpturen des Ehrenhofs, in dessen Mitte ein bronzener "Sämann" des Bildhauers Otto Hofner platziert ist.  Was dieser muskulöse junge Mann im Karl-Marx-Hof aussät, sind die Samen einer klassenlosen Gesellschaft. "Wir sind der Sämann, die Saat und das Feld", lautet der zweite Vers des oben zitierten Wiener Arbeiterliedes von Fritz Brügel.  Mit diesem "wir" sind die ArbeiterInnen gemeint, die im Sinn des Austromarxismus zu Neuen Menschen erzogen werden sollten. Worin diese Erziehung bestand, verdeutlichen die vier allegorischen Keramikfiguren von Josef Franz Riedl, die über den Rundbögen des Mitteltrakts angebracht sind: Die "Freiheit" ist ein Gefangener, der seine Ketten gesprengt hat; die "Aufklärung" eine Frau mit Kurzhaarfrisur, dem zeitgemäßen Pagenkopf, und Büchern in den Händen; die "Körperkultur" eine Leichtathletin in Trikot und Umhang, die einen Diskus hält; und die "Fürsorge" eine junge Mutter mit einem Säugling in den Armen.  Die expressiven Plastiken verkörpern nicht nur das Selbstverständnis des Roten Wien, sondern stehen auch für die soziale Infrastruktur des kommunalen Wohnbaus.

Die Gemeindebauten sollten die ArbeiterInnen aus den "Mietskasernen" der Monarchiezeit befreien, in denen mehrere Generationen einer Familie zusammengepfercht in überteuerten Wohnungen ohne eigenen Wasseranschluss und eigene Toilette leben mussten.  Die errichteten Wohnanlagen gestalteten die neu erlangte Freiheit allerdings gemäß den Vorstellungen der sozialdemokratischen Stadtregierung, die aus volkswirtschaftlichen Gründen junge Kleinfamilien förderte. 

Entgegen der marxistischen Programmatik war das Leben im Gemeindebau – mit Ausnahme einiger Gemeinschaftseinrichtungen – nicht kollektivistisch, sondern eher kleinbürgerlich angelegt. Die Gemeindewohnungen bestanden aus einem Vorraum mit WC, einer Wohnküche mit Gasherd und Sitzbad sowie einem oder mehreren Zimmern.  Der Vorraum diente der Abschirmung gegen die Außenwelt und schuf familiäre Privatsphäre, die Einbauküche war nach ergonomischen Prinzipien konzipiert und der Esstisch als Kommunikationszentrale vorgesehen. 

Am südlichen Ende des Karl-Marx-Hofs, an der Ecke Heiligenstädter Straße und Geistingergasse, war die Beratungsstelle für Inneneinrichtung und Wohnungshygiene (BEST) des Österreichischen Verbandes für Wohnungsreform eingemietet.  Auf drei Stockwerken wurden dort vorbildliche Möbel und Haushaltsgeräte ausgestellt, inklusive einer voll eingerichteten Musterwohnung im Erdgeschoss.  Darüber hinaus fanden regelmäßig Sprechstunden sowie Vorträge statt, die sich mit vielfältigen Wohnfragen befassten (z.B. mit der Verzierung oder Reinigung einer Wohnung). 

Die Beratungsstelle sollte die MieterInnen anleiten, durch "richtige" Möblierung und Nutzung das Beste aus ihrer Gemeindewohnung oder ihrem Reihenhaus zu machen.  Dass Wohnen neu gelernt werden müsse, war eine Diskussion, die im Roten Wien seit Beginn der 1920er Jahre intensiv geführt wurde. 
Der Architekt Adolf Loos forderte als Leiter des Wiener Siedlungsamtes, die europäischen Städter sollten ihre Mietwohnungen vergessen und von den Bauern und Amerikanern lernen, wie man im Einfamilienhaus mit Garten lebt. 
Während Loos jede Form von Ornamentik strikt ablehnte, vertrat Josef Frank, der ebenfalls ein Anhänger der Siedlerbewegung und im Architektenbeirat der BEST tätig war, den Standpunkt, dass verspielte Formen, die über das Notwendige hinausgehen, menschlicher seien als die nun modische Kahlheit. 

Ob Siedlung oder Blockverbauung, modern oder traditionell, gemein war all diesen Wohnideen eine klare Vorstellung von der familiären Rollenaufteilung. Die ideale Lebensform stellte die Kleinfamilie dar, bestehend aus einem berufstätigen Mann, der sich in der Freizeit politisch und kulturell engagierte, und seiner Ehefrau, die sich um den Haushalt und die Kinder kümmerte.  Das Rote Wien installierte die Mutter als Schnittstelle eines umfassenden Fürsorgeprogramms, das die Menschen von der Wiege bis zur Bahre betreuen sollte. Hauptverantwortlich für die Wiener Wohlfahrt war der zuständige Stadtrat Julius Tandler, der auch als Professor für Anatomie an der Universität Wien lehrte.  Seine Bevölkerungspolitik zielte auf die Verbesserung der allgemeinen Gesundheit, indem die private und kirchliche Individualfürsorge durch eine Reihe von öffentlichen Vorsorgeeinrichtungen ersetzt wurde. Dass Tandlers Maßnahmen teilweise eugenisch motiviert waren, zeigt etwa die 1922 eingerichtete Eheberatungsstelle, in der Brautleute hinsichtlich ihrer medizinischen Eignung zur Zeugung und Aufzucht von Kindern untersucht wurden. 

Für uneheliche, verwaiste oder verwahrloste Kinder lag die Vormundschaft bis zum Alter von vierzehn Jahren beim Jugendamt der Stadt Wien.  In der 1925 eröffneten Kinderübernahmestelle (KÜST) wurden nicht nur pragmatische Entscheidungen über die Unterbringung in Pflegefamilien oder -heimen getroffen, sondern unter der Leitung der Entwicklungspsychologin auch ethisch fragwürdige Experimente durchgeführt. 

Wie sich die Fürsorgepolitik des Roten Wien konkret gestaltete, lässt sich am Beispiel des Karl-Marx-Hofs gut zeigen.  In beiden Innenhöfen gab es einen Kindergarten  und eine Wäscherei  mit angeschlossener Badeanlage.  Im südlichen Hof war außerdem eine Schulzahnklinik sowie eine Mutterberatungsstelle untergebracht.  In der rund einen Kilometer langen Gebäudefront an der Heiligenstädter Straße befanden sich neben zahlreichen Geschäftslokalen und Gasthäusern eine Gebietskrankenkasse mit Ambulatorium, eine Apotheke und eine Bibliothek.  Das heißt, der Karl-Marx-Hof bot seinen Bewohnerinnen und Bewohnern eine umfangreiche soziale Infrastruktur mit einem Schwerpunkt auf Kinderbetreuungseinrichtungen. In den städtischen Krankenhäusern, wo die überwiegende Zahl der Geburten stattfand, wurde nach der Registrierung des Kindes ein Hausbesuch durch eine Mitarbeiterin des Fürsorgeamtes vereinbart, die bei der Gelegenheit ein "Säuglingswäschepaket" überreichte und sich ein Bild vom Haushalt machte. 

Die Mütter wurden jedenfalls zum Besuch einer Mutterberatungsstelle aufgefordert, um sich von Fachärzten in Fragen der Ernährung und Pflege ihrer Kinder beraten zu lassen.  Stellten die Fürsorgerinnen ernste Mängel fest, vor allem hinsichtlich der Ordnung und Sauberkeit im Haushalt, konnten sie beim Jugendgericht beantragen, das Kind bzw. die Kinder in der städtischen Kinderübernahmestelle unterzubringen, wo über ihre weitere Betreuung entschieden wurde. 

Zentralwaschküchen wie im Karl-Marx-Hof waren in allen Gemeindebauten mit mehr als 300 Wohnungen vorhanden.  Unter der Aufsicht eines "Waschmeisters" konnten die Bewohnerinnen an einem Tag im Monat teilweise maschinell unterstützt die Wäsche ihrer Familie waschen, trocknen und bügeln. Ungeachtet der Tatsache, dass die Mehrheit der Frauen selbst berufstätig war, durften die Waschküchen von Männern und Kindern nicht betreten werden. Da die Kindergärten kostenpflichtig waren und keine Kinder unter vier Jahren aufnahmen, mussten viele Mütter ihren Nachwuchs am Waschtag bei Verwandten oder Nachbarinnen unterbringen. War der Waschmeister für die Aufsicht in der Wäscherei zuständig, so kümmerten sich die HausmeisterInnen um Sauberkeit und Ordnung in den Stiegenhäusern und Innenhöfen. Beispielsweise sollten die Kinder außerhalb der Spielplätze keine Grünflächen betreten und ausschließlich Mistkübel des Typs "Colonia" an den Müllplätzen abgeliefert werden.  Im Übrigen bekamen die Haushalte einmal im Monat unangemeldet Besuch von einem "Wohnungsinspektor", der den hygienischen Zustand der Gemeindewohnung kontrollierte. 

Die Wiener "Freiheitsfeiern" vom 14. Mai 1933 fanden also in kommunalen Wohnanlagen statt, die den Arbeiterinnen und Arbeitern bedeutend angenehmere Lebensbedingungen boten als die privaten Mietshäuser aus der Monarchiezeit. Diese Verbesserung hatte allerdings den Preis, dass sich die BewohnerInnen in das Für- bzw. Vorsorgesystem des Roten Wien fügen mussten. Ihre Freiheit wurde, mit anderen Worten, im Sinn der sozialdemokratischen Stadtregierung organisiert. Obwohl im Gemeindebau ein kleinbürgerlicher Lebensstil herrschte, wurden die politischen GegnerInnen, namentlich die Zeitungen der Christlichsozialen Partei, nicht müde, vor den "roten Festungen" und "Arbeiterburgen" zu warnen, in denen die proletarische Revolution vorbereitet werde. 

Diese Mär schien sich im kurzen Bürgerkrieg vom Februar 1934 zu bestätigen, als Mitglieder des Republikanischen Schutzbundes sich in einigen Gemeindebauten verschanzten, darunter dem Karl-Marx-Hof, und erst nach Artilleriebeschuss durch das Bundesheer aufgaben.  "Die rote Bastille ist erstürmt, das Vorwerk des Bolschewismus in Mitteleuropa", triumphierte die , nachdem am Wiener Rathaus die österreichische Nationalflagge gehisst worden war. 

Ort
Karl-Marx-Hof
Moment
Freiheitsfeier
Raum
0
Zeit
0
Mediationen




Den Verstand gebrauchen:
Souveräne Zeichen
Das Leben einfangen:
Prüfende Blicke
Die Stimme erheben:
Gelenkte Sendungen

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