Mikrofone, Kabel, Sender

Die Stimme erheben: Gelenkte Sendungen
RUNDFUNK

Mikrofone, Kabel, Sender

Auf den Foto- und Filmaufnahmen der Reden, die bei der "" am 14. Mai 1933 im Schlosspark Schönbrunn gehalten wurden, ist eine Reihe von Mikrofonen zu sehen.  Ihre Ständer, an denen sich die Verbindungskabel nach unten schlängeln, stehen im Halbkreis um ein hölzernes Podium auf der Gartenterrasse des Schlossgebäudes.  Die insgesamt sechs Mikrofone, zwei davon direkt übereinander montiert, sind ungefähr auf Gesichtshöhe zu den Rednern gerichtet. Wie kam dieses halbe Dutzend zustande? Während sich nur vermuten lässt, welches konkrete Mikrofon für welchen Zweck verwendet wurde, erklärt sich ihre Anzahl aus den unterschiedlichen Übertragungs- und Aufnahmekanälen. Denn abgesehen von der Beschallung des Schlossparks, wurden die Reden von zwei Wochenschau-Teams aufgenommen, live in gesendet und wohl auch vom österreichischen Rundfunk sowie vom Heimatschutzverband auf Schallplatten oder im Lichttonformat festgehalten.

Deutlich zu erkennen sind auf den vorhandenen Bildern der "Türkenbefreiungsfeier" zwei Kohlemikrofone von Eugen Reisz aus Berlin – das sogenannte Reisz-Mikrofon im weißen Marmorblock, das ab Mitte der 1920er Jahre sowohl im Rundfunk als auch zur örtlichen Beschallung verwendet wurde.  Bei der Massenkundgebung im am 14. Mai 1933 kamen definitiv Lautsprecher zum Einsatz, andernfalls hätte kaum einer der im Parterre und in den Alleen stehenden Heimwehrmänner die Reden hören können. In einer Broschüre zur Vorbereitung der Veranstaltung hieß es: "Die Kommandos werden einheitlich durch den Lautsprecher gegeben." 

Und im Nachhinein stellte die Schönbrunner Schlosshauptmannschaft dem Österreichischen Heimatschutz als Veranstalter 13 Kilowattstunden à 57 Groschen, also insgesamt 7,41 Schilling für den Stromverbrauch der "Lautsprecheranlage" in Rechnung. 
Außerdem ist am linken Rand eines Panoramas der "Türkenbefreiungsfeier" ein Teil eines Podiums oder Lastwagens mit der Aufschrift "[L]autsprecher" abgelichtet. 

Was für eine exakte Anlage am 14. Mai 1933 zur Beschallung des Schlossparks Schönbrunn installiert wurde, ist weder archivarisch noch publizistisch dokumentiert. Das New Yorker Unternehmen Western Electric hatte 1922 ein zentralisiertes "Loud Speaking Public Address System" patentieren lassen. 

Es ist durchaus vorstellbar, dass bei der "Türkenbefreiungsfeier" ein Lautsprecherturm dieser Art aufgestellt wurde.  Denn jene Firma, die sich in Wien auf elektroakustische Aufträge spezialisierte, nämlich "Czeija, Nissl & Co", war eine Tochtergesellschaft von Western Electric. 
Darüber hinaus ähnelt ein dynamisches Mikrofon, das am Rednerpodium montiert war,  stark den Modellen, die Western Electric seit Anfang der 1930er Jahre produzierte, z.B. dem Tauchspulenmikrofon 618A.  Die Produkte des amerikanischen Unternehmens kamen über Czeija, Nissl & Co auch beim österreichischen Rundfunk zum Einsatz, der Radio-Verkehrs-AG (RAVAG), 
die ihre Reporter im Frühjahr 1933 beispielsweise mit Knopfloch-Mikrofonen von Western Electric ausstattete. 

Stark vertreten waren in Wien außerdem die deutschen Elektrokonzerne. Siemens & Halske bot um 1930 eine Serie von dynamischen Lautsprechern an, darunter den "Riesenblatthaller",  der vor allem für die zentrale, von einer Position ausgehende Massenbeschallung geeignet war. 

Anfang der 1930er Jahre übergaben Siemens und die Allgemeine Electricitäts-Gesellschaft (AEG) ihre elektroakustischen Abteilungen an die Tochterfirma Telefunken, die sich in diesem Geschäftsfeld auf dezentrale Beschallungsanlagen spezialisierte. 1932 stattete Telefunken etwa den Wiener Stephansdom mit dynamischen Mikrofonen und elf, im Kirchenschiff montierten Lautsprechern aus.  Am 1. Mai 1933 war das Unternehmen beschallungstechnisch für die NS-Feier zum "Tag der nationalen Arbeit" am Tempelhofer Feld in Berlin zuständig, wo jedoch störende Echoeffekte auftraten.  Im folgenden Jahr präsentierte Telefunken schließlich den "Pilzlautsprecher",  der den Schall gleichmäßig im Kreis abstrahlte und künftig bei einer Vielzahl von NS-Kundgebungen in verteilter Schaltung aufgestellt wurde. 

Während bei der "Türkenbefreiungsfeier" am 14. Mai 1933 vermutlich zentrale, links und rechts neben der Schlossterrasse platzierte Lautsprecher verwendet wurden, installierten Czeija, Nissl & Co vier Monate später am selben Ort, dem Schlosspark Schönbrunn, eine verzweigte Beschallungsanlage mit 48 elektrodynamischen Lautsprechern, die an Fahnenmasten im Großen Parterre, an Bäumen in den Alleen und am Balkon des Schlossgebäudes montiert waren.  Die elektroakustische Installation diente einem Festgottesdienst mit rund 300.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, der im Rahmen des Allgemeinen Deutschen Katholikentages am 10. September 1933 stattfand. Die Stimmen der Redner und des Chors wurden vom Altar auf der Schlossterrasse mit dynamischen und Kohlemikrofonen übertragen; und das Geläute stammte von einem an den Verstärker angeschlossenen Grammofon, das die auf Schallplatten aufgenommenen Glocken des Stephansdoms abspielte. 

Aufgrund der Verflechtungen von Czeija, Nissl & Co mit Western Electric könnte also das erwähnte Tauchspulenmikrofon, das auf einigen Fotografien der "Türkenbefreiungsfeier" abgelichtet ist, zur Beschallungsanlage gehört haben. Für diesen Zweck hätten sich jedoch auch die vorhandenen Kohlemikrofone geeignet, z.B. eines der beiden Reisz-Modelle, deren Grundrauschen in den Lautsprechern des Schlossparks weniger aufgefallen wäre als bei der Tonfilmaufnahme, für die eher dynamische Mikrofone verwendet wurden. 

Fakt ist jedenfalls, dass sich ein Beitrag der Fox Tönenden Wochenschau, deren amerikanische Produktionsgesellschaft ebenfalls patentrechtlich mit Western Electric verbunden war, 
mit der "Türkenbefreiungsfeier" befasste. 
Der entsprechende Aufnahmewagen stand zwischen den Heimwehrleuten im Gartenparterre: Auf dem Autodach war eine platziert und im Wageninneren die Apparatur für die Aufzeichnung des Lichttons, von der ein Kabel zum Mikrofon auf der Schlossterrasse führte. 

Ein paar Schritte neben dieser schwarzen Limousine, die entweder Fox Movietone News oder einem freischaffenden Kameramann gehörte, befand sich der Lastwagen der Selenophon Licht- und Tonbild GmbH, deren Filmatelier in unmittelbarer Nähe lag, nämlich in der Maxingstraße 13a am westlichen Rand des Schönbrunner Schlossparks.  Das Wiener Unternehmen hatte in den 1920er Jahren ein eigenes Lichttonverfahren entwickelt und produzierte seit 1930 auch Wochenschauen, zunächst unter dem Firmennamen, dann für die Hugo-Engel-Film GmbH und ab dem Frühjahr 1933 im Auftrag des Bundeskanzleramts die propagandistische Wochenschau Österreich in Bild und Ton

Im Gegensatz zum Fox-Beitrag sind diese Aufnahmen der "Türkenbefreiungsfeier" vom 14. Mai 1933 zwar nicht erhalten geblieben, bei dem fotografierten Wagen handelt es sich aber definitiv um das "fahrende Tonfilmatelier" der Selenophon, das mit "allen Errungenschaften der modernen Tonfilmtechnik und Elektroakustik" ausgestattet war. 
Zu dem Equipment zählte auch ein siebeneckiges, in einem Metallrahmen aufgehängtes Mikrofon,  das mit jenem Modell identisch sein könnte, welches auf der Schlossterrasse zwischen den beiden Reisz-Blöcken stand. 

Gegründet wurde die Selenophon GmbH 1928 von Oskar Czeija, dessen Vater noch im 19. Jahrhundert Czeija, Nissl & Co aufgebaut, seine Anteile jedoch im frühen 20. Jahrhundert verkauft hatte. 

Der Sohn war nie an dieser Telefon- und Telegrafenfabrik beteiligt, spielte aber eine zentrale Rolle in der 1924 konstituierten Radio-Verkehrs-AG, die er von Anfang an als Generaldirektor leitete. 
Das Lichttonsystem Selenophon entwickelte Czeija in Zusammenarbeit mit dem Wiener Physiker Hans Thirring sowie einigen RAVAG-Mitarbeitern. 
Es ist daher nicht verwunderlich, dass die von dem Unternehmen hergestellten Apparate auch im österreichischen Rundfunk zum Einsatz kamen. Im Aufnahmewagen der RAVAG, der Anfang der 1930er Jahre eingerichtet und etwas missverständlich "Übertragerauto" genannt wurde,  bestand nicht nur die Möglichkeit, Originalton auf Wachs- und Gelatineplatten aufzuzeichnen.  Er war auch mit dem professionellen Tonbandgerät U7 von Selenophon ausgerüstet,  das Lichtton auf Zelluloid- oder Papierfilm aufnehmen und abspielen konnte. 
Nach der Entwicklung ließ sich der sechs Millimeter breite Filmstreifen – im Gegensatz zu den Schallplatten – beliebig . Das Verfahren eignete sich daher nicht nur zur Tonarchivierung, sondern vor allem für die Kompilation längerer Reportagen bzw. Hörberichte. 

Es ist wahrscheinlich, dass der Aufnahmewagen der RAVAG bei der "Türkenbefreiungsfeier" anwesend war; konkrete Belege fehlen jedoch. In der Österreichischen Mediathek ist ein kurzer Mitschnitt der Rede vorhanden, die Bundeskanzler Engelbert Dollfuß bei der Kundgebung am 14. Mai 1933 im Schlosspark Schönbrunn hielt.  Das aus Ansage, Redeteil und montierte Dokument, dessen Ursprung ungeklärt ist, deckt sich mit der Lichttonspur des erwähnten Beitrags der Fox Tönenden Wochenschau, weshalb die Aufnahme vermutlich von diesem 35-mm-Film stammt und nicht von einer Schallplatte oder einem Schmalfilm der RAVAG.  Sicher ist allerdings, dass Radio Wien von 10:20 bis 11:05 Uhr live von der Veranstaltung berichtete. Es scheint eine kurzfristige Entscheidung gewesen zu sein, denn die Livesendung war zwar in einigen Tageszeitungen vermerkt, nicht aber in den wöchentlich publizierten Programmzeitschriften. 

Dem Verlauf der "Türkenbefreiungsfeier" zufolge wurden die Reden von Sicherheitsminister Emil Fey, von , dem Bundesführer des Österreichischen Heimatschutzes, sowie von Dollfuß übertragen, eventuell auch Teile der ab 10 Uhr gelesenen Feldmesse. 
Möglich ist außerdem, dass ein RAVAG-Reporter über die Moderation hinaus kurze Interviews mit den Festgästen oder den Heimwehrleuten im Gartenparterre führte. 

Wie funktionierte diese Rundfunkübertragung in technischer Hinsicht? Die RAVAG verwendete um 1933 auch Bändchen- und Kondensatormikrofone, das Kohlemikrofon von Reisz war aber seit 1925 regelmäßig bei Radio Wien in Gebrauch. 

Es ist also anzunehmen, dass eines der beiden Modelle, die auf den Fotografien der "Türkenbefreiungsfeier" dokumentiert sind, der Livesendung diente. Im Marmorblock des Reisz-Mikrofons befand sich eine mit Kohlenpulver gefüllte Grube, auf der eine Gummimembran lag.  Über Elektroden wurde Strom durch das Pulver geleitet, wobei sich der Widerstand aufgrund der Besprechung der Membran veränderte. Die von den Schallwellen hervorgerufenen Stromschwankungen konnten dann mittels eines Transformators auf einen Verstärker übertragen werden. 
Das Mikrofon war per Kabel mit dem Röhrenverstärker verbunden, aber wie gelangten die in Elektrizität umgewandelten Stimmen zum Rundfunksender?

Die RAVAG verfügte seit 1929 über ein "Kurzwellen-Senderauto", das im Gegensatz zum später installierten Aufnahmewagen, dem "Übertragerauto", für drahtlose Rundfunkübertragungen ausgestattet war.  In diesem eigentlichen Übertragungswagen, kurz Ü-Wagen, war ein Kurzwellensender eingebaut,  dessen Reichweite theoretisch ganz Europa abdeckte. 

Im professionellen Rundfunkbetrieb konnte damit aber nur ein Radius von zehn bis fünfzehn Kilometer gewährleistet werden. 
Es wäre durchaus möglich gewesen, die im peripheren Schönbrunn gehaltenen Reden drahtlos per Kurzwellen zur RAVAG-Zentrale in der Wiener Innenstadt zu übertragen, um die Sendungen von dort über Rundfunkkabel weiterzuleiten. Das Kurzwellen-Senderauto wurde allerdings ab 11:05 Uhr, also direkt im Anschluss an die Übertragung der "Türkenbefreiungsfeier" für einen Livebericht über einen Staffellauf verwendet 
und dabei auf der Rennstrecke im Prater fotografiert.  Da Schönbrunn im Südwesten Wiens, der Prater aber nordöstlich liegt, kann der Ü-Wagen aus zeitlichen Gründen nicht da wie dort zum Einsatz gekommen sein.

Möglicherweise wurde für die Übertragung der "Türkenbefreiungsfeier" einer der transportablen Kurzwellensender verwendet, die ebenfalls ab 1929 bei der RAVAG in Gebrauch waren. 

Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Livesendung einfach per Telefonkabel vom Schloss Schönbrunn zur Johannesgasse 4 im ersten Wiener Gemeindebezirk übertragen wurde, wo sich seit 1926 das Funkhaus befand.  In den beiden Jahren davor war Radio Wien im Dachgeschoss des Heeresministeriums am Stubenring untergebracht gewesen. Anfangs wurde von dort auch gesendet, bis die RAVAG 1925 am Rosenhügel, einer Anhöhe im Südwesten Wiens, einen Rundfunksender von Telefunken errichtete,  dessen Leistung 1927 von sieben auf fünfzehn Kilowatt erhöht wurde. 
Zwischen den Studios in der Johannesgasse und dem Großsender am Rosenhügel wurde ein von Siemens hergestelltes, knapp zehn Kilometer langes Rundfunkkabel verlegt,  das verzerrungsfreie Übertragungen in einem Frequenzband von bis zu 10.000 Hertz erlaubte, was den für Sprache und Musik wesentlichen Bereich des menschlichen Hörfeldes abdeckt. 

Am 28. Mai 1933, zwei Wochen nach der Kundgebung in Schönbrunn, wurde der neue Großsender der RAVAG mit einem 130 Meter hohen Antennenmast auf dem Bisamberg im Norden Wiens eröffnet.  Diese ebenfalls von Telefunken stammende Anlage, die über eine Sendeleistung von hundert Kilowatt verfügte, war bereits seit Anfang Mai im Probebetrieb. 

Aufgrund der lang gestreckten, teilweise gebirgigen Lage Österreichs vermochte aber selbst dieser Sender nicht, alle Landesgebiete mit Funkwellen in der für den Radioempfang erforderlichen Stärke zu versorgen, geschweige denn sein Vorgänger am Rosenhügel, der wohl auch die "Türkenbefreiungsfeier" übertrug. Daher wurden seit Mitte der 1920er Jahre von der Hauptstadt im äußersten Osten Rundfunkleitungen in den Westen und Süden Österreichs verlegt sowie mehrere Zwischensender gebaut. 
Das heißt, dass die Wechselströme im konkreten Fall, der Livesendung am 14. Mai 1933 von 10:20 bis 11:05 Uhr, nachdem sie vom Schloss Schönbrunn vermutlich über Telefonverbindungen zur RAVAG-Zentrale gelangt waren, nicht nur per Rundfunkkabel zum Rosenhügel weitergeleitet wurden, sondern auch zu den Regionalsendern in Graz, Linz, Klagenfurt, Salzburg und Innsbruck, die elektromagnetische Wellen in der jeweils zugewiesenen Frequenz bzw. Länge erzeugten und in die Bundesländer ausstrahlten.  Der Sender in Lauterach im äußersten Westen Österreichs wurde zum Leidwesen der VorarlbergerInnen, die sich ein Jahrzehnt lang über den schlechten Empfang von Radio Wien beklagt hatten, erst Ende 1934 fertiggestellt. 

Ort
Schlosspark Schönbrunn
Moment
Livesendung im Radio
Raum
0
Zeit
0
Mediationen




Den Verstand gebrauchen:
Souveräne Zeichen
Das Leben einfangen:
Prüfende Blicke
Die Stimme erheben:
Gelenkte Sendungen

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