Bell & Howell 2709

Das Leben einfangen: Prüfende Blicke
KAMERA

Bell & Howell 2709

Von der "", die der Österreichische Heimatschutz am 14. Mai 1933 in Wien veranstaltete, gibt es mehrere filmische Aufnahmen. Sie sind in Form von zwei eigenständigen Beiträgen, einem Stumm- und einem Tonfilm, beide in Schwarz-Weiß, in die Jahresschau 1933 der Bundespolizeidirektion in Wien eingegangen, die im Filmarchiv Austria erhalten geblieben ist. 

Der Stummfilm, den offenbar Mitarbeiter der Polizei herstellten, ist knapp fünf Minuten lang und zeigt die Ankunft von Heimwehrleuten per Zug, die Kundgebung im und die Parade in die Innenstadt bis zum Bei dem etwas längeren Tonfilm handelt es sich laut dem einleitenden Zwischentitel um einen Beitrag der Fox Tönenden Wochenschau, der nicht nur audiovisuelle Aufnahmen der Feier in Schönbrunn enthält, sondern auch die Proteste gegen die anschließende Heimwehrparade vor Augen und Ohren führt: Nationalsozialisten singen das und begleiten die marschierenden Heimatschützer mit Pfiffen und Buhrufen. 

Filmtechnisch interessant sind die Aufnahmen von der oberen Mariahilfer Straße, wo die Kamera vor der Parade herfährt, zu den Demonstranten auf dem Gehsteig und dann wieder zurück schwenkt.  Eine Fotografie, aufgenommen zur Mittagszeit in der Nähe des Wiener Westbahnhofs, 

zeigt die Spitze des Aufmarsches am Beginn dieser Filmsequenz.  Am rechten Rand des Bildes ist ein Kameramann auf dem Dach eines Autos zu sehen, gekleidet in Mantel und Anzug samt Krawatte, die Haare vom Fahrtwind zerzaust. Er scheint in diesem Augenblick im Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit zu stehen, denn die Blicke vieler ZuseherInnen, sogar die Augen des Heimwehrführers Richard Steidle, der neben und Emil Fey an der Spitze der Parade geht, sind auf ihn und seine Kamera gerichtet.

Das Fahrzeug ist zu klein für einen professionellen Aufnahmewagen und trägt auch nicht den Namen einer Produktionsfirma. Es sieht vielmehr so aus, als hätte man ein Gestell auf eine gewöhnliche Limousine montiert, um die Kamera mit Operateur und Zubehör auf dem Dach platzieren zu können. Sehr wahrscheinlich machte dieser Kameramann jene Filmaufnahmen, die in der Jahresschau 1933 der Wiener Polizei enthalten sind. Dort tragen sie, wie erwähnt, den Zwischentitel der Fox Tönenden Wochenschau, die seit 1929 als deutschsprachige Version der amerikanischen Fox Movietone News herauskam.  Laut zeitgenössischen Filmzeitschriften brachte in der folgenden Woche aber nicht nur Fox "Bilder von der Türkenbefreiungsfeier in Wien", sondern auch die Wochenschau von Paramount. 

Auf mehreren fotografischen und filmischen Dokumenten ist außerdem zu erkennen, dass die Wiener Selenophon Licht- und Tonbild GmbH mit ihrem Aufnahmewagen  im Schlosspark Schönbrunn vertreten war.  Der hergestellte Tonfilm, der in der österreichischen Engel-Woche erschienen sein könnte, ist allerdings nicht erhalten geblieben. Selenophon produzierte im Auftrag des Bundeskanzleramts auch die "vaterländische Wochenschau" Österreich in Bild und Ton, die im Juni 1933 in den Kinos anlief, jedoch keinen Beitrag zur "Türkenbefreiungsfeier" vom 14. Mai enthielt. 

Vermutlich war der Kameramann selbständig tätig und verkaufte seine Aufnahmen an Filmunternehmen wie Fox oder Paramount. Dafür spricht auch die Kamera, die auf der Fotografie zu sehen ist.  Das Modell lässt sich zwar, auch wenn man das Bild unter eine Lupe legt, nicht mit absoluter Sicherheit identifizieren. Der Metallrahmen, der Objektivrevolver, das doppelte Filmmagazin und der seitliche Sucher deuten aber klar auf das Standardmodell des amerikanischen Herstellers Bell & Howell hin, das die Typennummer 2709 trug. 

Die Kamera ist auf ein dreibeiniges Stativ montiert und wurde offensichtlich mit einem Synchronmotor betrieben, der an ihrer rechten Seite angebaut ist. Dieser gleichmäßige Antrieb ermöglichte nicht nur die Aufnahme von 24 Bildern pro Sekunde, sondern auch eines synchronen Lichttons, dessen Anlage sich im Auto befunden haben muss. Jedenfalls enthält der im Filmarchiv Austria vorhandene Film eine in Sprossenschrift aufgenommene Tonspur. 
Das heißt, dass auf dem 35 Millimeter breiten, an den Rändern perforierten Filmband rechts fotografische Bilder und links daneben Tonstreifen in einheitlicher Breite, aber unterschiedlich intensiver Schwärzung enthalten sind.  Daher wurde diese Technik zur Tonaufnahme Schwärzungs- oder Intensitätsverfahren genannt, im Gegensatz zum Schwarzweiß- oder Amplitudenverfahren, bei dem die Farbintensität gleich bleibt, sich aber die Breite des Tonstreifens verändert und eine Zackenschrift entsteht. 

Die auf der Fotografie dokumentierte Filmkamera entspricht nicht dem Stand der Technik um 1933. Zu dieser Zeit waren bereits wesentlich leichtere 35-mm-Kameras verfügbar, die speziell für Wochenschauen und Außenaufnahmen entwickelt wurden, z.B. die federangetriebene, nur gut drei Kilogramm schwere "Eyemo" von Bell & Howell, die seit 1925 auf dem Markt war.  Das Modell 2709 stammte zwar aus dem Jahr 1912 und wog mit Filmmagazin, Objektiven und Zusatzmotor wohl beinahe zwanzig Kilogramm, war aber für seine Zuverlässigkeit und Langlebigkeit bekannt. 

Für diesen Kameramann mag es rentabler gewesen sein, die ältere, teure Kamera mit Motor und Tonanlage aufzurüsten, als eines jener aktuellen Modelle zu kaufen, die von den führenden Wochenschau-Produzenten verwendet wurden. Außerdem war die Bell & Howell 2709 eine komplette Studiokamera und daher vielseitiger einsetzbar als ein speziell für mobile Aufnahmen entwickelter Apparat wie die erwähnte Eyemo, die 1932 in einer überarbeiteten Version mit elektrischem Antriebsmotor herauskam. 

Bei dem 1907 in Chicago gegründeten Unternehmen Bell & Howell wurde die 2709 als "Standardkamera" geführt, und tatsächlich etablierte sich das Modell im Lauf eines Jahrzehnts als die Standardkamera in amerikanischen Filmstudios. 

Die Bezeichnung verweist jedoch nicht auf den kommerziellen Erfolg, sondern auf das verwendete 35-mm-Format, zu dessen Standardisierung als "Normalfilm" diese Kamera – gemeinsam mit anderen von Bell & Howell erzeugten Apparaten – wesentlich beitrug. Die ersten Rollfilme, die George Eastman 1888 für seine Kodak-Kameras herstellte, waren knapp siebzig Millimeter breit. Edison ließ den 70-mm-Film halbieren und verwendete für sein 1893 patentiertes Kinetoscope, einen Guckkasten zur individuellen Filmbetrachtung, das 35-mm-Format.  Bei der Vielfalt an Projektoren, die um 1900 in Gebrauch waren, variierten die Filmbreiten jedoch stark. Donald J. Bell, der als Filmvorführer in Chicago arbeitete, kannte die Nachteile unterschiedlicher Formate und Perforierungen aus eigener Erfahrung. 
Auch wenn ein Filmband in den für die jeweilige Show vorhandenen Projektor passte, was eher die Ausnahme als die Regel war, musste der Operateur damit rechnen, dass es beim Kurbeln immer wieder aus der Führung geriet. Das Ergebnis war meistens nicht der Eindruck fließender Bewegung, der beim kontinuierlichen Ablauf von mindestens sechzehn Bildern pro Sekunde entsteht. Vielmehr lief das projizierte Geschehen unregelmäßig ab, die Bilder flackerten und verschoben sich auf der Leinwand.

Bei gut geplanten Vorführungen mögen Apparate wie der Cinématographe der Brüder Lumière, das Bioscop der Brüder Skladanowsky oder Edisons Vitascope, die Mitte der 1890er Jahre öffentlich präsentiert wurden, das Versprechen ihrer Namen erfüllt und tatsächlich das Leben als Bewegung, wie es die moderne Biologie im 19. Jahrhundert konzipiert hatte, 

dargestellt haben.  Im filmischen Alltagsbetrieb konnten sich dieser Illusion aber nur jene ZuseherInnen hingeben, deren Lebensbegriff mehr Erscheinungen zuließ, als ihnen die Augen lieferten. Donald Bell war sich des Problems aus seiner Arbeit als Projektionist bewusst, und der Maschinenbauer Albert S. Howell, den er in einer Filmwerkstatt kennenlernte, löste es mit einer Reihe technischer Innovationen, die zu den ersten Produkten ihres gemeinsamen Unternehmens Bell & Howell führten: einer Vorrichtung zur Bildeinstellung (rotary framer) für den 35-mm-Filmprojektor Kinodrome; einem Perforator zur einheitlichen Lochung von 35-mm-Film; einer Kamera, die 35-mm-Film über fixierte Passstifte (fixed pilot pins) transportierte; und einem Kopiergerät, das 35-mm-Film mit demselben Transportmechanismus vervielfältigte. 
Das heißt, die neu gegründete Firma setzte ausschließlich auf das 35-mm-Format und sorgte mit ihren technischen Lösungen dafür, dass der Film zuverlässig und gleichmäßig durch Aufnahme- und Wiedergabeapparate befördert werden konnte.

Die erste von Bell & Howell produzierte Kamera verfügte zwar bereits über den innovativen Führungsmechanismus zur stabilen Filmbelichtung, war aber noch mit Holz und Leder verkleidet. 1912 folgte dann das Modell 2709, dessen Mechanik und Gehäuse – im Gegensatz zu allen bis dahin entwickelten Filmkameras – vollständig aus Metall gefertigt war.  Auf der Kamera waren zwei Magazine montiert, eines für Roh- und eines für belichteten Film.  Eine weitere Besonderheit des Apparats stellte der Revolver für vier Objektive dar, der nicht nur die Arbeit der Kameraleute erleichterte, sondern auch zur Scharfstellung erforderlich war.  Um ein Motiv zu fokussieren, musste die Kamera auf einer am Stativ befestigten Metallplatte von rechts nach links geschoben und der Objektivrevolver um 180 Grad gedreht werden. Dann konnte der Kameramann bzw. die Kamerafrau die Linse einstellen, ohne dass Rohfilm belichtet wurde.  Es war auch die einzige Möglichkeit, exakt zu sehen, was später gefilmt werden sollte. Denn der an der linken Seite der Kamera angebrachte Sucher zeigte das jeweilige Motiv aus einer zum aufnehmenden Objektiv seitlich verschobenen Perspektive – eine sogenannte "Sucherparallaxe", die damals noch nicht ausgeglichen wurde.  Erwähnenswert ist außerdem, dass die Handkurbel des Modells 2709 kugelgelagert war, was den Filmantrieb erleichterte und ebenfalls zur Bildqualität beitrug. Hergestellt wurde die Bell & Howell Standardkamera bis 1958. 

Bei jener Filmkamera, die am 14. Mai 1933 zur Mittagszeit am Beginn der oberen Mariahilfer Straße in Wien fotografiert wurde, handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um das Modell 2709-B1 von Bell & Howell. Diese Ausführung konnte bis zu 26 Bilder pro Sekunde aufnehmen und war nicht schallgedämpft. 

Das Betriebsgeräusch der Kamera, vergleichbar mit einer Nähmaschine, war erst ab der allgemeinen Ende der 1920er Jahre ein Problem. Während die Filmstudios schalldämmende Hüllen (blimps) entwickeln ließen, arbeiteten die Hersteller an leiser laufenden Kameras. Diese technische Herausforderung bewältigte Mitchell mit den Modellen NC (1932) und BNC (1934) besser als Bell & Howell, die sich mit Kameras und Projektoren für das 16-mm-Format mehr und mehr auf das Amateurfilmgeschäft konzentrierten. 
  Der Tonfilm erforderte aber nicht nur die Verringerung der Kamerageräusche, sondern auch eine konstante Aufnahmegeschwindigkeit von 24 Bildern pro Sekunde, um Ton und Bild synchronisieren zu können. Für das Modell 2709 gab es seit 1919 einen elektrischen Antriebsmotor, der hinten montiert und deutlich kleiner war als der massive Synchronmotor, den der Kameramann bei der "Türkenbefreiungsfeier" verwendete.  Auf der Fotografie fasst er ihn mit der rechten Hand, vermutlich um die Kamera auf die Parade zu schwenken, ohne dass ein gezieltes Fokussieren möglich gewesen wäre. Ob die Aufnahmen brauchbar waren, zeigte sich erst nach dem Entwickeln des Films.

In diesem Fall scheint der Kameramann, obwohl er vom Dach einer fahrenden Limousine aus filmte, sein Motiv gut genug getroffen zu haben, um die entstandenen Aufnahmen in der folgenden Ausgabe der Fox Tönenden Wochenschau zu bringen. Sie hielten die Bewegung der Parade in 24 Bildern pro Sekunde (und einer in Sprossenschrift aufgezeichneten Tonspur) auf einem 35-mm-Film fest. Seine größte Hoffnung für die Filmindustrie sei immer Standardisierung gewesen, schrieb Donald Bell 1930 in einem Brief an die Zeitschrift International Photographer

In den drei Jahrzehnten, seit er noch als Filmvorführer in Chicago tätig gewesen war, hatte sich das 35-mm-Format, gefördert von seinem mit Albert Howell gegründeten Unternehmen, international durchgesetzt. Formal gesehen, unterschieden sich die Bilder im professionellen Filmmarkt kaum mehr voneinander, und weder bei der Aufnahme noch bei der Wiedergabe konnte per Hand beeinflusst werden, wie schnell das Filmband durch den Apparat lief. So kam es, dass sich am 14. Mai 1933 nicht nur die österreichischen Heimwehren, sondern auch die Bilder, die ihren "" dokumentieren, im Gleichschritt bewegten. Das Filmformat entsprach gleichsam der Uniformität des Motivs.

Ort
Mariahilfer Straße 124
Moment
Filmaufnahme der Heimwehrparade
Raum
2.530 m vom Anfang
Zeit
1 h 19 min vor dem Ende
Mediationen




Den Verstand gebrauchen:
Souveräne Zeichen
Das Leben einfangen:
Prüfende Blicke
Die Stimme erheben:
Gelenkte Sendungen

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