"Leck mich im Arsch!"

Das Leben einfangen: Prüfende Blicke
ENTBLÖSSEN

"Leck mich im Arsch!"

Am Samstag, dem 13. Mai 1933, landeten kurz nach 14 Uhr einige NS-Politiker aus Deutschland, angeführt vom bayerischen Justizminister Hans Frank und seinem preußischen Amtskollegen Hanns Kerrl, auf dem bei Wien.  Der offizielle Grund der Reise war die Teilnahme an einer Juristentagung, de facto wurde eine nationalsozialistische Gegenveranstaltung zur "Türkenbefreiungsfeier" des Österreichischen Heimatschutzes abgehalten. Jene fand am Samstagabend in der statt, diese am Sonntagvormittag im .

Die Besucher wurden am Flugfeld von hunderten Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten empfangen und fuhren dann in die Innenstadt zum , der Parteizentrale der NSDAP in Wien.  Entlang der Straßen jubelten die AnhängerInnen und pfiffen die politischen GegnerInnen. 

Am stärksten war der Protest in der Leopoldstadt, dem zweiten Wiener Gemeindebezirk. Nachdem die Autokolonne auf der Reichsbrücke die Donau überquert hatte, ereignete sich laut der Roten Fahne an der in Fahrtrichtung linken Seite der Lassallestraße folgende Szene:

Nach diesem Bericht des kommunistischen Parteiblatts war der Wiener Gemeindebau in der Lassallestraße 40–44, der , nicht nur rot beflaggt, sondern einige BewohnerInnen stellten in den Fenstern den Hintern zur Schau, als die NS-Politiker aus Deutschland vorbeifuhren.  , drehten sich diese Demonstrantinnen und Demonstranten um und entblößten einen Körperteil, der im öffentlichen Raum für gewöhnlich bedeckt bleibt. Es lohnt sich, der von der Roten Fahne gelegten Spur zu folgen, denn der Ausdruck "Götz-Zitat" ist in diesem Fall nicht nur ein Euphemismus, eine verhüllende Umschreibung, sondern trägt zum Verständnis der konkreten Protestgebärde bei.

Das Götz-Zitat stammt aus dem Theaterstück Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand, das Johann Wolfgang Goethe 1771 verfasste und zwei Jahre später anonym drucken ließ. 

Nur in diesen ursprünglichen Fassungen, dem "Ur-Götz" und dem Erstdruck, fällt jenes Wort in voller Länge, das auch als Schwäbischer Gruß bekannt ist. Goethe, der damals erst Anfang zwanzig war und gerade angefangen hatte, in Frankfurt am Main als Advokat zu arbeiten, stützte seine literarische Darstellung auf die 1731 veröffentlichte, autobiografische Lebens-Beschreibung Herrn Gözens von Berlichingen – eines fränkischen Reichsritters, der an der Wende vom Spätmittelalter zur frühen Neuzeit lebte. 
Obwohl er als junger Mann die rechte Hand verloren hatte und eine eiserne Prothese tragen musste, entwickelte sich Gottfried von Berlichingen zu einem berüchtigten Söldner, der sein Geld vor allem mit ritterlichen Fehden verdiente.  Das heißt, er wurde von Privatpersonen oder Familien bezahlt, gegen ihre Feinde Krieg zu führen. Goethe stellte den historischen Kriegsunternehmer jedoch als deutschen Freiheitskämpfer dar, "den die Fürsten hassen, und zu dem die Bedrängten sich wenden." 

In einer der 21 Szenen des dritten Akts verschanzt sich Götz mit seiner Familie auf Jagsthausen.  Nachdem Kaiser Maximilian I. die Reichsacht über ihn verhängt hat, Berlichingen also wegen Bruch des Landfriedens für vogelfrei erklärte, belagert das Reichsheer seine Burg. Als ihn ein Bote auffordert, sich zu ergeben, ruft Götz aus dem Fenster: "Sag deinem Hauptmann: Vor Ihro Kayserliche Majestät, hab ich, wie immer schuldigen Respect. Er aber, sags ihm, er kann mich im Arsch lecken."  Die Szene endet mit der Regieanweisung: "(schmeist das Fenster zu.)" 

Als Reichsritter ist Berlichingen direkt dem Kaiser unterstellt, dient im Gegensatz zu seinem Jugendfreund und jetzigen Rivalen Adelbert von Weislingen aber keinem Territorialfürsten. Er fühlt sich Maximilian I. auch persönlich verpflichtet, beharrt jedoch auf dem traditionellen Recht der Ritter, Fehden zu führen. Da Götz das römische Recht, nach dem ihn der Kaiser verurteilte, nicht anerkennt, empfindet er sich als unschuldig. Das heißt, das Götz-Zitat entspricht im Originaltext der Bedeutung des Wortpaars "Schutz und Trutz", denn Berlichingen versucht nicht nur, sein Territorium vor Eindringlingen zu beschützen, den Feind zu distanzieren, sondern bringt durch die Aufforderung, ihn doch im Arsch zu lecken, auch seinen Trotz, seinen Widerstand gegen eine Autorität zum Ausdruck, und zwar auf eine provozierende und beschämende Weise.

Goethe verdeutlichte an dieser Stelle die Beschreibung in den Memoiren des historischen Götz von Berlichingen, der angeblich zu einem Amtmann sagte, "er solte mich hinden lecken". 

Allerdings ist auch die explizite Version des Theaterstücks bereits die Versprachlichung einer Handlung, die viel weiter zurückreicht als bis ins Mittelalter. Der Archäologe Otto Jahn untersuchte Mitte des 19. Jahrhunderts den seit der Antike vor allem in Griechenland und Italien nachweisbaren Aberglauben, wonach Neid eine schädliche Wirkung haben könne, die über den "bösen Blick" ausgeübt werde. 
Das obszöne und beleidigende Entblößen der Geschlechtsteile gehörte laut Jahn zu den Mitteln, neidische Blicke zu stören bzw. abzuwenden.  Als Abwehrgebärde findet sich das Gesäßweisen auch in deutschen Volkssagen, wo es einerseits gegen Geister oder Unwetter und anderseits gegen Belagerer eingesetzt wird. 
In diesen Funktionen erscheinen die sogenannten "BleckerInnen" außerdem in hölzerner  oder steinerner  Form – jeweils nach außen gerichtet – an Burgen, Kirchen, Stadttoren und Patrizierhäusern. 
Während im profanen Raum die apotropäische, also die Unheil abwehrende Wirkung des nackten Hinterns im Vordergrund stand, wurden solche grotesken Figuren im Kircheninneren auch als Kontrapunkte zu christlichen Autoritäten abgebildet,  als Repräsentantinnen und Repräsentanten des abtrünnigen Gottesvolkes. 

Ob die BleckerInnen mehr schützend oder verspottend wirken sollten, ist im Einzelfall nicht immer klar. Der zweite Effekt setzt jedenfalls eine hierarchische Beziehung voraus, das heißt, der entblößte Hintern ist in der Regel gegen religiöse oder politische Respektspersonen gerichtet. Als konkrete Tat ist so eine Beleidigung aus dem spätmittelalterlichen Wien überliefert, denn laut dem Chronisten Michael Beheim zeigten 1462, als die Burg belagert wurde, einige WienerInnen der Kaiserin Eleonore und ihrem weiblichen Gefolge den nackten Hintern und riefen ihnen zu: "Du kaiserin und ir juncfrawn! / ir solt in dise spiegel schawn!" 

Dass nicht nur die Handlung, sondern auch die sprachliche Aufforderung, jemanden am bzw. im Arsch lecken zu lassen, als "Ausdruck des Trotzes" zu verstehen sei, hob Sigmund Freud mit Blick auf Goethes Götz von Berlichingen hervor. Der Begründer der Psychoanalyse betrachtete Eigensinnigkeit – gemeinsam mit Ordentlichkeit und Sparsamkeit – als Ergebnis der Sublimierung analer Erotik. 

Wie auch immer sich diese psychologischen Zusammenhänge gestalten mögen, Tatsache ist, dass das Götz-Zitat in der gestischen wie in der sprachlichen Version ein historisch etabliertes Verhaltensmuster darstellt. Ebenso wie Goethe eine im süddeutschen Raum geläufige Redensart literarisch verarbeitete, erfanden die BewohnerInnen des Lassalle-Hofs die entsprechende Trotzgebärde nicht, sondern wandten sie nur im passenden Moment an. Es ist bemerkenswert, dass in beiden Fällen der mittelalterliche Kontext der BleckerInnen erinnert wird. Im Theaterstück fällt die Ähnlichkeit ins Auge: Der Ritter Götz von Berlichingen ruft das Schimpfwort während der Belagerung aus einem Fenster seiner Burg Jagsthausen. Beim Wiener Protest vom 13. Mai 1933 muss diese Analogie hingegen erläutert werden.

Für den Bau des nach Ferdinand Lassalle, einem Pionier der deutschen Arbeiterbewegung, benannten Wohnblocks schrieb die Gemeinde Wien im Herbst 1923 einen Wettbewerb aus. 

Das zu errichtende Gebäude sollte, da es sich an einem städtebaulich markanten Ort befand, "besonders vorbildlich wirken". 
Umgesetzt wurde ab Mai 1924 dann aber nicht das Siegerprojekt des Architekten Karl Krist, sondern der auf den zweiten Platz gereihte Entwurf "Lassalle-Turm", der von Hubert Gessners Büro stammte. Gessner hatte wie viele andere jener 199 Architekten, die von 1919 bis 1934 mit der Ausführung der 382 Gemeindebauten in Wien beauftragt wurden, bei Otto Wagner an der Akademie der bildenden Künste studiert. 
Er wurde von Victor Adler, dem Begründer der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Österreich, gefördert und plante u.a. das Arbeiterheim Favoriten (1902) und das (1910), wo sich auch die Redaktion der sozialdemokratischen Arbeiter-Zeitung befand. 

Gessners Baustil, der für den Wiener Gemeindebau prägend wurde, war stark von Wagners Stadtplanung beeinflusst, die das mehrgeschossige Mietshaus mit begrüntem Innenhof gegenüber Wohnsiedlungen mit Reihenhäusern bevorzugte. 

Die Wagner-Schüler hatten gelernt, mit großen Baumassen umzugehen und die neuen Wohnblöcke eher konservativ als radikal in die ehemalige Residenzstadt einzufügen.  Der Gemeindebau unterscheidet sich daher nicht nur von den Konzepten der Siedlerbewegung, die in Wien etwa von dem Architekten Adolf Loos vertreten wurden, sondern auch vom funktionalen Stil des Neuen Bauens, wie er im deutschen Bauhaus zum Ausdruck kam.  Diese Unterschiede gehen über den äußerlichen Eindruck hinaus, denn um möglichst vielen Leuten Arbeit zu verschaffen, wurden die kommunalen Wohnanlagen in Wien bewusst mit konventionellen Bautechniken errichtet. 
Die Wohnungen, die alle mit Toiletten und Gasherden ausgestattet und für Arbeiterfamilien fast gratis waren, stellten eine erhebliche Verbesserung gegenüber den überteuerten Mietshäusern des 19. Jahrhunderts dar, wo sich Wasser und Klosett am Gang befanden. 
Im Vergleich zu den modern eingerichteten Mustersiedlungen in Frankfurt am Main und Berlin nahmen sich die Wiener Gemeindewohnungen zwar bescheiden aus. Das Ziel der sozialdemokratischen Stadtregierung bzw. des "" insgesamt, die Lebensverhältnisse möglichst vieler ArbeiterInnen mit den vorhandenen finanziellen Mitteln zu verbessern, wurde durch den Gemeindebau allerdings erreicht. 

In seiner Rede zur Eröffnung des Lassalle-Hofs am 3. Oktober 1926 betonte Karl Seitz, der Wiener Bürgermeister, dass es in einer Großstadt unmöglich sei, jeder Arbeiterfamilie ein eigenes Haus zur Verfügung zu stellen.  Auch die 290 in diesem neuen Gemeindebau enthaltenen Wohnungen seien weder "prunkhaft" noch "übermäßig groß", sie trügen aber zur Verringerung der "Wohnungsnot" bei, und daher werde die Stadtregierung am bewährten Konzept festhalten, also weiterhin mehrgeschossige Wohnanlagen mit gemeinschaftlichen Einrichtungen wie Kindergärten und Bibliotheken bauen. 

In der Eröffnungsbroschüre hob das Stadtbauamt die Lage der Baustelle hervor, die "in städtebaulicher Hinsicht eine besondere Betonung des architektonischen Aufbaues" erfordert habe, was das nun realisierte Projekt durch eine "turmartige Entwicklung der Gebäudeecke" erreiche. 
Der zur Lassallestraße gerichtete achtstöckige Turm mit Erkern und aufgesetztem Glaspavillon markiert "für jene eine Schwelle, die sich von der Reichsbrücke der Stadt nähern oder sie, vom Praterstern kommend, verlassen." 
In der Fachliteratur wird der Lassalle-Hof auch als "Brückenkopf" zur Donau und als "Einfahrtstor der Stadt" bezeichnet. 

Für den Wiener Architekten Josef Frank, einem vehementen Befürworter der Siedlerbewegung, kam diese Mischung aus kleinbürgerlichen Wohnungen und monumentalen Fassaden im Begriff des "Volkswohnungspalastes" treffend zum Ausdruck. 

Anstatt danach zu streben, jeder Arbeiterfamilie ein Haus mit Garten zu verschaffen, konkurriere der Wiener Gemeindebau mit dem Pathos fürstlicher Residenzen.  Da man als Republikaner aber nicht direkt an die monarchische Architektur anknüpfen könne, griffen die "primitiv denkenden Entwerfer […] auf mittelalterliche Formen" zurück: "Schloßtore, Türme, Erker und Zinnen, wie sie ehedem das Zubehör zum Behausungsideal des Kleinbürgers waren, der in deutscher Vergangenheit seine Vorbilder suchte." 
So erinnert auch der Lassalle-Hof mit seinem mächtigen Turm und dem massiven Portal, seinen Erkern und Zinnen an eine mittelalterliche Burg, in deren Fenster am 13. Mai 1933 etwa um 15:30 Uhr eine Reihe von Bleckerinnen und Bleckern erschien. 

Mit ihren nackten Hintern wollten diese (vermutlich sozialdemokratisch oder kommunistisch gesinnten) BewohnerInnen des Wiener Gemeindebaus die politischen Gegner aus Deutschland beleidigen, den ankommenden Nationalsozialisten die Autorität absprechen, die ihre AnhängerInnen am Straßenrand jubelnd behaupteten.  Aufgrund der Lage und Architektur des Lassalle-Hofs handelte es sich jedoch auch um eine Abwehrgebärde gegen Eindringlinge bzw. Belagerer: Die NS-Politiker, die nach Wien kamen, um den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich zu propagieren, sollten erschreckt und an der Passage in die Stadt gehindert werden. Hans Frank fuhr aber, wenngleich am Praterstern von der Polizei in Nebenstraßen umgeleitet, zum Adolf-Hitler-Haus weiter, trat abends in der Engelmann-Arena auf, gab am folgenden Tag eine Pressekonferenz in der und wurde erst am Montag, dem 15. Mai 1933, im Auftrag der Bundesregierung aus Österreich ausgewiesen. 

Um die Protestgeste angemessen zu deuten, muss ihre Körpersprache verstanden werden. Denn in der normalen Haltung wären der vorbeifahrenden Autokolonne die Blicke zugewandt gewesen. Mit ihren Augen hätten diese ZuschauerInnen Aufmerksamkeit bekundet, idealtypisch betrachtet, die ankommenden Fürsten wie göttliche Wesen bestaunt oder den Ranghöheren militärische Ehre erwiesen. Was bedeutet es, dass Hans Frank und seinem Gefolge stattdessen die nackten Hintern gezeigt wurden? Abgesehen von der abwehrenden und beleidigenden Wirkung der Gebärde, drückt der After auch eine Entgrenzung des Körpers aus, die Goethes zeitgemäße Formulierung auf den Punkt bringt. In der Aufforderung des literarischen Götz, der Hauptmann könne ihn "im" Arsch lecken, gehen der Beleidiger und der Beleidigte bzw. der Belagerte und der Belagerer gleichsam ineinander über. Der russische Literaturwissenschaftler Michail Bachtin wies in seinen Studien über den französischen Schriftsteller François Rabelais darauf hin, dass die Augen zwar für die Individualität des Körpers der Neuzeit von entscheidender Bedeutung sind, der groteske Leib der Renaissance hingegen seine "Ausstülpungen und Öffnungen" betone, vor allem den Mund und die Nase, den Phallus und den Hintern. 

In diesem Sinn stellten die Wiener BleckerInnen vom 13. Mai 1933 nicht nur die Autorität der deutschen NS-Politiker infrage, sondern auch "die individuelle und streng abgegrenzte Körpermasse, die undurchdringliche und glatte Fassade des Körpers", 
wie ihn die Moderne konzipierte.

Ort
Lassalle-Hof
Moment
Entblößung der Hintern
Raum
10 km 57 m vom Anfang
Zeit
21 h 30 min vor dem Ende
Mediationen




Den Verstand gebrauchen:
Souveräne Zeichen
Das Leben einfangen:
Prüfende Blicke
Die Stimme erheben:
Gelenkte Sendungen

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