"Hymnenchaos"

Den Verstand gebrauchen: Souveräne Zeichen
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"Hymnenchaos"

Die "" am 14. Mai 1933 in Wien wurde 

Die Aufnahmen, die mit Bild und Ton erhalten geblieben sind, zeigen am Ende der Kundgebung im , wie Flugzeuge des Heimatschutzes von der Gloriette über das Parterre zum Schlossgebäude fliegen. Die versammelten Heimwehrmänner rufen und winken, dazu spielt eine Militärkapelle die österreichische Bundeshymne. 
In den nächsten Szenen der Wochenschau ist die anschließende auf der Mariahilfer Straße zu sehen, in der Nähe des Technischen Museums, wo Nationalsozialisten die Arme zum Hitlergruß erheben und das Deutschlandlied skandieren, offensichtlich, um gegen den Aufmarsch der Heimatschützer zu protestieren. Die in beiden Fällen gleich klingende Melodie ist in Schönbrunn nur instrumental, bei den Demonstrationen aber mit folgendem Text zu hören: "Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt!" Wie kam es, dass bei der "Türkenbefreiungsfeier" am 14. Mai 1933 in Wien ein und dieselbe Melodie für gegensätzliche Ziele eingesetzt wurde, nämlich sowohl für den Erhalt des Staates Österreich als auch für dessen Anschluss an das Deutsche Reich? 

Die unmittelbare Ursache des "Hymnenchaos" lag in politischen Beschlüssen, die um die Jahreswende 1929/30 in Österreich gefasst wurden.  In Wahrheit führt diese Frage jedoch in das Wien des späten 18. Jahrhunderts zurück, als Joseph Haydn beauftragt wurde, für den damaligen Kaiser, Franz II., einen Lobgesang zu komponieren. Sein Werk, das Gott erhalte, entwickelte sich mit wechselnden Texten zur österreichischen Kaiserhymne, diente dem Germanisten und Dichter August Heinrich Hoffmann, der aus dem norddeutschen Fallersleben stammte, aber 1841 auch als musikalische Grundlage für sein Lied der Deutschen, das 1922 zur Nationalhymne der Deutschen Republik erklärt wurde. Im Gegensatz dazu schien dem österreichischen Kanzler, dem Sozialdemokraten Karl Renner, dass die monarchisch belastete Melodie nicht als republikanisches Staatssymbol geeignet sei, weshalb er 1920 eine Hymne auf "Deutschösterreich" verfasste und von seinem Freund Wilhelm Kienzl vertonen ließ. Knapp zehn Jahre später nutzten die regierenden Christlichsozialen eine Verfassungsreform als Gelegenheit, um das ehemalige Kaiserlied mit einem neuen Text des Priesterdichters Ottokar Kernstock offiziell als Bundeshymne einzuführen. War also Anfang der 1930er Jahre in Wien Haydns traditionsreiche Melodie zu hören, dann konnten drei politische Souveräne gemeint sind: der habsburgische Kaiser, das deutsche Volk oder der österreichische Staat.

Das Gott erhalte entstand zu einer Zeit, als der Kaiser göttlichen Beistand brauchen konnte. 

Denn noch bevor Franz, der habsburgische Thronerbe, im Juli 1792 zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gekrönt wurde, hatte ihm das revolutionäre Frankreich im April den Krieg erklärt. Die militärischen Auseinandersetzungen zogen sich über Jahre hin, mit Siegen und Niederlagen auf beiden Seiten, bis sich die französische Armee unter in Oberitalien klar gegen österreichische Truppen durchsetzte. Diese entscheidenden Schlachten wurden 1796 geschlagen, dem Jahr, als Franz Josef Graf von Saurau, der damalige Regierungspräsident von Niederösterreich, den "verdienstvollen Dichter" Lorenz Leopold Haschka beauftragte, "gleich den Engländern ein Nazionallied" zu verfassen, das "die treue Anhänglichkeit des Volkes an seinen guten und gerechten Landesvater vor aller Welt" verkünden sollte. 
Während das Lied God Save the King, das seit Mitte des 18. Jahrhunderts zu Ehren der britischen Könige gesungen wurde, als Muster diente, richtete sich das Auftragswerk wohl auch gegen die kämpferische Marseillaise, die anlässlich der Kriegserklärung an Österreich entstanden und seit 1795 die französische Nationalhymne war. 

Inhaltlich orientierte sich Haschka stark am englischen Modell, das Gott als Beschützer des Monarchen anruft.  Metrisch folgte er allerdings nicht dem Dreivierteltakt des God Save the King mit seinen meist daktylischen Versfüßen aus je einer betonten und zwei unbetonten Silben: "Send him victorious, / Happy and glorious" usw. 

Stattdessen wählte Haschka die damals in der deutschen Lyrik sehr geläufige (doppelte) Romanzenstrophe für seinen Text mit dem Titel Gott, erhalte den Kaiser

Formal gesehen, besteht jede Strophe aus acht sogenannten trochäischen Vierhebern, die kreuzweise gereimt sind und abwechselnd klingend und stumpf enden. Das heißt, dass in den ungeraden Versen jeweils vier Hebungen und Senkungen aufeinanderfolgen und in den geraden Versen die letzte Senkung fehlt. Im Kehrreim, dem Refrain des Liedes, werden die Wörter "Gott!" und "Franz!" daher nicht nur wiederholt, sondern auch akzentuiert. Diese regelmäßige Betonung entspricht dem Gebetscharakter des Textes, der Gott bittet, Franz als siegreichen, gut beratenen und gerechten Kaiser zu behüten. Obwohl Graf Saurau, der Initiator, von einem "Nazionallied" spricht, handelt es nicht von einem Volk, das nach eigenen Gesetzen zusammenlebt. Vielmehr sind mehrere "Lande" und "Völker" im monarchischen Souverän vereint, dessen göttlich inspirierter Wille seinen Untertanen Gesetz ist: "Dein Gesetz sey stets Sein Wille; / Dieser uns Gesetzen gleich!" 

Haschka lieferte also, was von ihm erwartet wurde, nämlich eine Hymne an den Kaiser, umgesetzt in einer lyrisch vertrauten Form, wie sie etwa Friedrich Schiller in seiner 1786 publizierten Ode An die Freude verwendet hatte. 

Vertont wurde der Text zwischen Oktober 1796 und Jänner 1797 von Joseph Haydn, der das God Save the King in England kennengelernt und selbst angeregt hatte, in Österreich einen ähnlichen Nationalgesang zu schaffen. 
Er war von dem Ergebnis, seinem "Kaiserlied",  sehr angetan und variierte die Melodie nicht nur umgehend im "Kaiserquartett" (op. 76, Nr. 3), sondern habe sie gegen Ende seines Lebens auch täglich am Klavier gespielt. 
Die Uraufführung des Gott, erhalte den Kaiser fand anlässlich des 29. Geburtstages von Franz II. am 12. Februar 1797 im in Wien statt.  Der Text wurde auf Handzetteln an das Publikum verteilt und in der ersten Pause der Opernaufführung nach Haydns Noten gemeinschaftlich gesungen.  Wie die amtliche Wiener Zeitung zehn Tage später berichtete, war das "Nazional-Lied" vom "berühmtesten Tonsetzer unserer Zeit" komponiert und sowohl vom "theuren Landesvater" als auch von den "getreuen Unterthanen" begeistert aufgenommen worden. 

Entstanden ist das Gott erhalte zwar als Hymne an den letzten Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.  Zur offiziellen Kaiserhymne wurde das Lied aber erst, nachdem Franz II. 1804 – angesichts der Ernennung Napoleons zum Kaiser der Franzosen – das Kaisertum Österreich proklamiert und 1806 – angesichts der Gründung des napoleonischen Rheinbundes – die deutsche Reichskrone niedergelegt hatte. Er erklärte das Heilige Römische Reich für aufgelöst und regierte nun als Franz I., Kaiser von Österreich, die habsburgischen Kronländer.  Offiziell eingesetzt wurde das Gott erhalte vor allem 1809, , und dann 1814/15 bei zahlreichen Veranstaltungen im Rahmen des Wiener Kongresses, wo Europa nach der Abdankung Napoleons territorial neu geordnet wurde. 

Dass die Hymne erst 1826, drei Jahrzehnte nach ihrer Entstehung, im Heer eingeführt wurde, mag mit Haydns getragener, wenig kriegstauglicher Melodie zusammenhängen. Es hat jedoch auch mit der mangelnden Nationalität dieser vielsprachigen Armee zu tun, die nur dem Namen nach "österreichisch" war. 

Nachdem Franz I. 1835 gestorben war, wurden für seinen Sohn Ferdinand zwei neue Textversionen der Hymne verfasst, die allerdings unpopulär blieben. 

Unter Kaiser Franz Joseph setzte sich dann die Forderung durch, die etwa von Adalbert Stifter erhoben wurde, dass ein allgemein gültiger, dauerhafter Hymnentext geschaffen werden müsse. Der von Stifter vorgeschlagene Dichter, nämlich Franz Grillparzer, machte widerwillig einen Versuch, war mit dem Ergebnis aber selbst unzufrieden. Die Wahl fiel schließlich auf einen Entwurf von Johann Gabriel Seidl, dem damaligen Kurator des kaiserlich-königlichen Münz- und Antikenkabinetts, dessen neue "Volkshymne" in der Wiener Zeitung vom 9. April 1854 veröffentlicht wurde.  Abgesehen von einer variablen Zusatzstrophe, ehrt Seidls Text nicht mehr den individuellen Herrscher, sondern beginnt mit den Versen: "Gott erhalte, Gott beschütze / Unsern Kaiser, unser Land!" Am Ende der ersten Strophe wird dieses Land auch beim Namen genannt, allerdings bleibe "Österreichs Geschick" innig mit "Habsburgs Throne" vereint.  Aus der Kaiserhymne war also eine Art Familienhymne geworden, die in der vierten Strophe zwei habsburgische Wahlsprüche zitiert:

Trotz des Titels "Volkshymne" ist wiederum der Kaiser das Zentrum des Textes wie des Landes, das er von Gottes Gnaden regiert. Entsprechend dem Wahlspruch Franz Josephs, Viribus unitis, sollen sich die heterogenen Kräfte Österreichs im souveränen Monarchen vereinen. "Österreich" ist dabei der Name eines Territoriums, dessen Grenzen sich von Jahrhundert zu Jahrhundert änderten. "Ewig" werde aber das Haus Habsburg bestehen, zumindest in dieser geläufigen Deutung des Zeichens AEIOU als Austria erit in orbe ultima, das Friedrich III. im 15. Jahrhundert an seinen Besitztümern angebracht hatte. Als ebenso beständig wie die habsburgische Herrschaft erwies sich jedenfalls Seidls Hymnentext, der bis zum Ende der Monarchie im Herbst 1918 offiziell gültig blieb.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde zu Haydns Melodie noch ein anderer Text gesungen, der weniger einem "Landesvater" als vielmehr dem deutschen "Vaterland" galt. Entstanden war dieses Lied 1841 auf der damals britischen Insel Helgoland in der Nordsee, wo der Germanist und Dichter August Heinrich Hoffmann den Sommerurlaub verbrachte.  Hoffmann, der sich nach seinem Herkunftsort "von Fallersleben" nannte, war seit 1830 Professor für Deutsche Sprache und Literatur an der Universität Breslau und hatte gerade seine Unpolitischen Lieder veröffentlicht. Im ersten Band, erschienen 1840, findet sich das Gedicht "Der deutsche Zollverein", das mit einer Liste von zollfrei gehandelten Waren beginnt:

Die zweite Strophe dankt den genannten Handelswaren, dass sie ein stärkeres Band um das "deutsche Vaterland" binden als die souveränen Fürsten des Deutschen Bundes.  Das Gedicht verspottet den Staatenbund, geschlossen 1815 auf dem Wiener Kongress, aber nicht nur thematisch, sondern auch durch seine metrische Form, die der Hymne des Kaisers von Österreich entspricht, der Präsidialmacht des Deutschen Bundes. Hoffmann von Fallersleben verlor wegen seiner Unpolitischen Lieder zwar das Professorenamt, wurde als Dichter und Sänger aber schnell berühmt. 

Ein kommerzieller Erfolg war auch Das Lied der Deutschen, das er Ende August 1841 auf Helgoland verfasste und sofort bei Hoffmann und Campe in Hamburg herausbrachte. 
Das Titelblatt dieser Erstausgabe vermerkt ausdrücklich: "Melodie nach Joseph Haydn's: 'Gott erhalte Franz den Kaiser, / Unsern guten Kaiser Franz!'"  Österreich, wo seit 1835 Ferdinand I. regierte, existiert nicht im Deutschlandlied, das die Hymne des letzten römisch-deutschen Kaisers zur Hymne einer künftigen deutschen Nation umdichtet.

Hoffmanns Text beginnt, rhetorisch gelesen, mit einer Ellipse und einer Hyperbel. Das heißt, dass die beiden ersten Verse unvollständig und übertrieben formuliert sind. Es ist nicht klar, ob Deutschland über alles geliebt oder gestellt wird. Sollen diese Zeilen die Sehnsucht nach einem deutschen Nationalstaat ausdrücken oder dessen Überlegenheit behaupten? Die folgenden Verse tragen nicht zur Klärung bei, weil sowohl die Vaterlandsliebe als auch die nationale Vormachtstellung von der Bedingung abhängen können, dass das Volk "brüderlich zusammenhält", um sein Land zu verteidigen. Was die Übertreibung betrifft, so bezeichnet das Wort "alles" entweder das, was einem Menschen wichtig ist, oder es meint die anderen Völker der Welt. Je nachdem, wie die beiden Zeilen verstanden werden, eröffnen sie ein patriotisches oder ein nationalistisches Gedicht.

Die Biografie des liberal gesinnten Autors passt eher zur patriotischen Variante. Für die nationalistische Deutung spricht allerdings, dass die Anfangszeilen vermutlich auf dieses geflügelte Wort anspielen: "Österreich über alles, wenn es nur will!" Es geht zurück auf ein 1684 erschienenes Buch des Kameralisten Philipp Wilhelm von Hörnigk mit dem vollständigen Titel: Oesterreich Uber alles wann es nur will. Das ist: wohlmeinender Fürschlag Wie mittelst einer wolbestellten Lands-Oeconomie die Kayserl. Erbland in kurzem über alle andere Staat von Europa zu erheben / und mehr als einiger derselben / von denen andern Independent zu machen.  Im Jahr nach der Befreiung Wiens von der "Türkenbelagerung" empfiehlt die Schrift Leopold I., dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, seine Erblande wirtschaftlich unabhängig zu machen. Ziel dieser Autarkie war die politische Behauptung Österreichs gegenüber dem absolutistischen Frankreich unter Ludwig XIV. Für Heinrich Gerstenberg, der Hoffmanns Werke herausgab und 1933 eine Studie zum Deutschlandlied publizierte, stellte Hörnigks Buch die "Wiege unserer deutschen Nationalhymne" dar. 

Den Buchtitel reklamierte jedoch auch der österreichische Bundeskanzler Engelbert Dollfuß, der zum Abschluss seiner Rede bei der "Türkenbefreiungsfeier" am 14. Mai 1933 in Schönbrunn "ein altes einfaches deutsches Wort" zitierte: "Österreich über alles, wenn es nur will!" 

Hoffmanns Text liebt bzw. stellt also statt Österreich "Deutschland über Alles". Aber was ist eigentlich mit "Deutschland" gemeint? Das Gebiet des ersehnten Nationalstaates wird in der ersten Strophe mit vier Flüssen umgrenzt: "Von der Maas bis an die Memel, / Von der Etsch bis an den Belt". Demzufolge erstreckte sich dieses "Deutschland" ungefähr von der preußisch-niederländischen bis zur preußisch-litauischen Grenze und von der Ostsee bis ins Südtirol. Das Territorium des Deutschlandliedes geht also vor allem im Osten deutlich über das Gebiet des Deutschen Bundes anno 1841 hinaus. Was Hoffmann im Sinn hatte, waren offensichtlich keine bestehenden politischen Grenzlinien, sondern Grenzregionen der deutschen Sprache. 

Beeinflusst von der romantischen Literatur und vom Werk der Brüder Grimm, sollten seine philologischen Studien zur Dokumentation des Deutschtums beitragen. 
Hoffmanns Lyrik wurde wesentlich von seinen Forschungsarbeiten über das deutsche Volkslied geprägt. Aus dieser germanistischen Perspektive konnte Österreich, dessen deutschsprachige Gebiete das Lied der Deutschen mit einschloss, keinen eigenen Nationalstaat bilden. 

Die Nationalsozialisten, die am 14. Mai 1933 gegen die Parade der Heimwehren in Wien protestierten, sangen die erste Strophe des Deutschlandliedes durchaus im Sinn einer "großdeutschen" Nation, die bereits die Wortführer der Revolution von 1848 gefordert hatten. Während der Nationalliberalismus aber zugleich für "Einigkeit und Recht und Freiheit", wie es in Hoffmanns Text heißt, eingetreten war, konnten sich die AnhängerInnen des NS-Regimes schwerlich auf Rechtsstaatlichkeit und bürgerliche Freiheiten berufen. Als 1922 der deutsche Reichspräsident, der Sozialdemokrat Friedrich Ebert, das Lied der Deutschen zur Nationalhymne der Deutschen Republik erklärte, bezog er sich ausdrücklich auf die dritte Strophe, die seit 1952 erneut als Hymne der Bundesrepublik Deutschland gesungen wird. 

Das NS-Regime kombinierte hingegen die ersten Strophen des Deutschlandliedes und des Horst-Wessel-Liedes, der martialischen Parteihymne der NSDAP.  In dieser Abfolge wurden die Lieder auch bei der nationalsozialistischen "Türkenbefreiungsfeier" am 13. Mai 1933 in der Wiener gesungen, die gegen die am folgenden Tag abgehaltene Kundgebung des Österreichischen Heimatschutzes gerichtet war. 

Bei der "Türkenbefreiungsfeier" im Schlosspark Schönbrunn spielte die Kapelle dann ebenfalls Haydns Melodie. Welchen Text die versammelten Heimwehrleute dazu sangen, ist allerdings unklar. Vermutlich hatten die meisten Heimatschützer, sei es aus Gewohnheit oder Überzeugung, immer noch Seidls Verse von 1854 auf den Lippen, die bis zum Ende des Weltkriegs den habsburgischen Kaiser geehrt hatten. Den neuen Text von Ottokar Kernstock, der 1929 zur Bundeshymne erklärt wurde, konnte wahrscheinlich nur eine Minderheit auswendig.  Entscheidend waren ohnehin nicht die Worte, sondern dass nun wieder Haydns Lied erklingen durfte statt der inoffiziellen Hymne Deutschösterreich von 1920, die Wilhelm Kienzl komponiert hatte.  Das knapp zehnjährige Zwischenspiel ging auf Karl Renners Entschluss zurück, die Melodie der Kaiserhymne nicht für die neu gegründete Republik zu verwenden. 

Da das Bundesheer aber ein Lied zur Vereidigung der Truppen benötigte, verfasste der sozialdemokratische Staatskanzler selbst einen Text, der "Deutschösterreich" als "herrliches Land" und "tüchtiges Volk" pries. 
Kienzl vertonte die wenig poetischen Verse seines Freundes, tat es nach eigenen Angaben jedoch ungern, weil seine Komposition die "unsterbliche Melodie Haydns" ersetzen musste. 
Die Zweifel erwiesen sich als berechtigt, denn allgemein bekannt und beliebt wurde die Hymne von Renner und Kienzl nicht. 

Als im Zusammenhang mit der Verfassungsreform von 1929 auch über die Staatssymbole diskutiert wurde, stimmte der Ministerrat Mitte Dezember einem Antrag der Christlichsozialen Partei zu, Haydns Melodie mit einem Text von Ottokar Kernstock als "Österreichische Bundeshymne" einzuführen. 

Renners Lied war nie offiziell dekretiert worden, weshalb die zuständigen Minister einfach Dienstanweisungen in ihren Ressorts erteilen konnten. Den betreffenden Erlass des Unterrichtsministeriums vom 31. Jänner 1930 konterkarierte der Präsident des Wiener Stadtschulrates, der Sozialdemokrat Otto Glöckel, allerdings durch eine Anordnung, an den Schulen Wiens die erste und dritte Strophe des Deutschlandliedes zu singen. Glöckels Versuch, auf diesem Weg "die nationale und republikanische Erziehung der Jugend zu fördern", 
entsprach der sozialdemokratischen Parteilinie seit Herbst 1918, . Ein weiterer Erlass des Unterrichtsministers legte dann fest, dass gegen das Deutschlandlied generell nichts einzuwenden, bei offiziellen Anlässen jedoch ausschließlich der Text von Kernstock zu verwenden sei. 

Entstanden waren die neuen Verse zur alten Hymne unmittelbar nach dem Ende des Weltkriegs. Angeregt von "heimattreuen Landsgenossen", 

hatte der deutschnationale Dichter Ottokar Kernstock, der als katholischer Pfarrer in der Steiermark lebte, ein Gedicht zu Haydns Kaiserlied verfasst, das 1919 auf einem Flugblatt in Graz verbreitet wurde. Die Strophen enden in der ursprünglichen Version jeweils mit der Zeile: "Gott mit dir, Deutschösterreich!" 
Für die Fassung, die 1922 in seinem letzten Gedichtband Der redende Born erschien, änderte Kernstock, den politischen Verhältnissen entsprechend, nicht nur "Deutschösterreich" zu "mein Österreich", sondern strich auch die dritte Strophe, die mit den Versen einsetzte: "Osterland bis du geheißen, / Und vom Osten kommt das Licht." 
Da auch die konservative Regierung den Staat Österreich nicht mit dem "bolschewistischen" Osten in Verbindung bringen wollte, erklärte der Ministerrat ausdrücklich nur die "1., 2. und 4. Strophe" zum Text der Bundeshymne. 

Kernstocks Verse lesen sich wie eine "Mischung aus 'Gott erhalte' und dem Deutschlandlied." 

Gesegnet wird nicht mehr der Kaiser, sondern die "Heimaterde", die in der ersten Version des Gedichts noch "Deutsche Heimat" hieß. 
"Deutsch" ist auch die "Arbeit" und die "Liebe" jener Menschen, die in diesem "Vaterland" leben. Es trägt den Namen "Österreich", wird aber als Teil einer deutschen Volksgemeinschaft beschrieben.  Dass Kernstock es trotzdem nicht "Deutschösterreich" nennen durfte, wurde 1919 im völkerrechtlichen Vertrag von St. Germain bestimmt, der auch die Grenzen des neu geschaffenen Staates festlegte. 
"Österreich" war nun keine Monarchie mehr, sondern eine demokratische Republik, deren Vorzüge die zweite Strophe der Hymne hervorhebt. Die dritte Strophe erinnert zwar an die Geschichte des Landes, die vorbildlichen "Ahnen", ruft seine Jugend jedoch auf, "unser in der Retorte des Diktatfriedens konstruiertes, nein, zum Krüppel geschlagenes Österreich", wie es die formulierte, 
anzuerkennen und gemeinsam aufzubauen.

Nachdem Haydns Melodie als Kaiserhymne entstanden war, hatte Hoffmann von Fallersleben das Lied zu einer Nationalhymne umgedichtet. Kernstock verfasste hingegen den Text einer Staatshymne, dessen historische und kulturelle Bezüge bewusst machen, wie veränderlich der Sinn des Wortes "Österreich" ist. Bezeichnet es die Besitztümer eines Herrschergeschlechts, das Teilgebiet einer Volksgemeinschaft oder ein völkerrechtlich begrenztes Territorium? Dass die musikalische Grundlage der Hymne all diese Deutungen ermöglichte, zeigte sich nicht nur bei der "Türkenbefreiungsfeier" am 14. Mai 1933, sondern auch fünf Jahre später, als die offizielle Geltungsdauer von Kernstocks Versen endete. Unter dem Druck des NS-Regimes erklärte Bundeskanzler Kurt Schuschnigg am Abend des 11. März 1938 seinen Rücktritt und schloss die Radioansprache "mit einem deutschen Wort und einem Herzenswunsch: Gott schütze Österreich!"  Seine Anhänger bekräftigten die Rede mit dem Ruf "Österreich!", worauf Nationalsozialisten, die im Bundeskanzleramt anwesend waren, das Deutschlandlied anstimmten. Um den Gesang zu unterbrechen, legte Schuschniggs Bruder Arthur, der bei für die Schallplatten-Konzerte zuständig war, eine instrumentale Fassung der deutsch-österreichischen Hymne auf, nämlich den zweiten Satz von Haydns "Kaiserquartett".  Ob es ein Abschluss oder ein Anschluss war, konnten die HörerInnen nun selbst entscheiden. 

Ort
Ecke Mariahilfer und Linzer Straße
Moment
Singen des Deutschlandlieds
Raum
N 48.190367° | E 16.322840°
Zeit
1933 a 133 d 11 h 30 min p. Chr.
Mediationen




Den Verstand gebrauchen:
Souveräne Zeichen
Das Leben einfangen:
Prüfende Blicke
Die Stimme erheben:
Gelenkte Sendungen

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