"Unerwünschter Besuch"

Den Verstand gebrauchen: Souveräne Zeichen
LEITARTIKEL

"Unerwünschter Besuch"

Am 9. Mai 1933 veröffentlichte die Wiener Reichspost einen Leitartikel, der mit "Unerwünschter Besuch" überschrieben ist.  Der Beitrag verläuft über die gesamte rechte Spalte der Titelseite und setzt sich auf der zweiten Seite der Tageszeitung fort, im oberen Drittel der linken und mittleren Spalte. Den acht Absätzen des Artikels geht eine Orts- und Zeitangabe voraus, nämlich "Wien, am 8. Mai", dem Text folgt aber kein Autorenname, auch nicht in Form einer Abkürzung.

Der erste Absatz bezieht sich auf eine Mitteilung der "Wiener Gaupressestelle der nationalsozialistischen Partei", die über den "Besuch mehrerer reichsdeutscher Minister", darunter der bayrische Justizminister Hans Frank, am 13. Mai 1933 in Wien informierte. Auf diese Nachricht folgt im zweiten Absatz die Argumentation, dass es sich dabei weder um einen angekündigten Ministerbesuch noch um einen informellen Privatbesuch handle. Vielmehr kämen Mitglieder deutscher Landesregierungen ohne diplomatische Vereinbarungen nach Österreich, "um hier eine Partei zu besuchen und sich von einer Partei feiern zu lassen, die in einem offenen und nicht selten mit illegalen Mitteln geführten Kampf gegen die gesetzmäßige Regierung und gegen die Staatsgewalt steht." Der dritte Absatz zieht aus diesen Umständen den Schluss, dass der parteipolitische Besuch nicht nur "unerwünscht und unwillkommen" sei, sondern als ein "unfreundlicher Akt" betrachtet und entsprechend behandelt werden müsse. 

In den Absätzen vier bis acht entfaltet der Artikel dann eine Interpretation des Sachverhalts. Der Hauptverdacht lautet, dass mithilfe der Aktion versucht werde, das Versammlungs- und Aufmarschverbot zu umgehen und "das große Heimwehrfest am kommenden Sonntag empfindlich zu stören". Gemeint war die "" des Österreichischen Heimatschutzverbandes, die am 14. Mai 1933 im stattfand. Da Hans Frank "in einer Rundfunkrede die österreichische Regierung schwer beleidigt und ein gewaltsames Einschreiten Bayerns gegen Österreich angekündigt" habe, müssten die Behörden noch klären, "ob ihm als Privatperson der Aufenthalt auf österreichischem Boden überhaupt gestattet werden kann." Zweifellos hätten sich die angekündigten Parteipolitiker im Fall ihres Kommens strengstens an die in Österreich geltenden Gesetze zu halten. Der Beitrag schließt mit der Frage, ob der deutsche Reichskanzler Adolf Hitler, der in der internationalen Politik "ein hohes Maß an Einsicht und Mäßigung" bewiesen habe, mit dieser "parteipolitischen Agitationsreise hoher Staatsfunktionäre" einverstanden sei. Jedenfalls würden sich die erforderlichen Maßnahmen keineswegs gegen die deutsche Reichsregierung richten, "sondern ausschließlich gegen den Versuch, einer staats- und regierungsfeindlichen Agitation innerhalb unserer eigenen Grenzen durch ausländische Gäste einen neuen Antrieb zu geben." 

Der Leitartikel richtete sich klar und streng formuliert gegen eine Verletzung der österreichischen Souveränität. Österreich, das war seit dem 1919 unterzeichneten Staatsvertrag von St. Germain keine multiethnische Monarchie mit einer Bevölkerung von mehr als fünfzig Millionen, sondern eine demokratische Republik, deren rund 6,5 Millionen, vorwiegend deutsch sprechende EinwohnerInnen auf einem Achtel des früheren Staatsgebietes lebten. 

Die Eigenständigkeit dieses vergleichsweise kleinen Landes wurde im politischen Spektrum von links bis rechts infrage gestellt. , drängte die NSDAP auf ein autoritär geführtes Großdeutsches Reich. So waren es vor allem die Christlichsoziale Partei sowie der , die Österreich als einen unabhängigen Staat erhalten wollten. Die für den 14. Mai 1933 geplante "Türkenbefreiungsfeier" im Schlosspark Schönbrunn sollte ein Zeichen setzen für ein souveränes Österreich unter der Führung des christlichsozialen Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß, der seit März des Jahres mittels Notverordnungen regierte.

Nun hatte die Wiener Pressestelle der NSDAP aber für dasselbe Wochenende den Besuch nationalsozialistischer Politiker aus Deutschland vermeldet, wo Hitler seit Ende Jänner 1933 als Reichskanzler amtierte. Angekündigt war eine Reihe von Mitgliedern deutscher Landesregierungen, ohne dass der Besuch diplomatisch vereinbart wurde. Es handle sich daher, wie der Leitartikel betonte, um keinen Staatsbesuch. Als privat könne der Aufenthalt jedoch auch nicht gelten, zumal dieses parteiamtliche Kommuniqué vorliege. Folglich müsse der Besuch als "ein unfreundlicher Akt" angesehen werden, das heißt als eine Handlung, die zwar nicht völkerrechtswidrig ist, aber der internationalen Höflichkeit, der Courtoisie widerspricht.

Für die Reichspost verstärkte sich dieser Eindruck eines Verstoßes gegen die Völkersitte durch die Ankündigung, dass sich unter den Gästen auch Hans Frank befinden werde. Frank, der in der NSDAP als Hitlers Anwalt Karriere gemacht hatte und dann im Zweiten Weltkrieg zum Generalgouverneur Polens avancieren sollte, wurde im März 1933 zum bayrischen Justizminister ernannt und hielt in seiner neuen Funktion eine provozierende Radioansprache gegen die österreichische Regierung. Wolffs Telegraphisches Bureau, die amtliche deutsche Nachrichtenagentur, gab die entsprechende Stelle der Rede, die am 18. März 1933 vom Radiosender München übertragen wurde, folgendermaßen wieder:

Aus völkerrechtlicher Sicht verneinte der bayrische Justizminister in dieser Rede alle wesentlichen Elemente des Staates Österreich. 

Er bezeichnete nicht nur das Gros der Bevölkerung als "deutsche Volksgenossen" und das Territorium als "Teil Deutschlands", sondern drohte auch mit einer Übernahme der Herrschaftsgewalt. Dass Frank, der sich trotz diplomatischer Proteste nicht für den Angriff entschuldigt hatte, nun sogar nach Wien kommen wollte, stellte laut dem Leitartikel der Reichspost eine "unerträgliche Probe auf die Geduld und Gutmütigkeit des Österreichers" dar. 

Die bürgerliche Neue Freie Presse berichtete schon im folgenden Abendblatt von der Stellungnahme zum "unerwünschten Besuch" im "Wiener Zentralorgan der Christlichsozialen, dessen Äußerungen in diesem Fall gewiß nicht als private Meinung angesehen werden können", 

und auch die sozialdemokratische Arbeiter-Zeitung setzte sich tags darauf mit dem "ungewöhnlich heftigen Leitartikel" auseinander, der im "Regierungsorgan" erschienen war. 
Die Reichspost gab in den folgenden Ausgaben einige der aggressiven Reaktionen wieder, die ihr Beitrag in der NS-Presse ausgelöst hatte, etwa im Völkischen Beobachter und im Berliner Angriff, und stellte dabei nochmals klar, dass sich der geäußerte Protest nicht gegen die deutsche Reichsregierung richte, sondern gegen die Parteipolitik der NSDAP in Österreich. 

Die Argumentation des Leitartikels, wonach der angekündigte Besuch aus den dargelegten Gründen "unerwünscht" sei, führte bei der tatsächlichen Ankunft der deutschen Politiker zu Konsequenzen. Am Samstag, dem 13. Mai 1933, kurz nach 14 Uhr, landeten Frank sowie der preußische Justizminister Hanns Kerrl und dessen Ministerialdirektor Roland Freisler, der spätere Präsident des deutschen Volksgerichtshofs, mit einigen Begleitern in einem Flugzeug der Lufthansa am bei Wien.  Sie wurden nicht nur von NS-Funktionären und rund 1.500 Zaungästen begrüßt, sondern auch von Michael Skubl, dem Vizepräsidenten der Wiener Polizei, der Frank laut der Reichspost amtlich mitteilte, "daß im Hinblick auf die noch schwebenden Angelegenheiten die Ankunft des Herrn Ministers der Bundesregierung 'nicht sonderlich erwünscht' sei". 

Die Besucher fuhren dann in einer Kolonne von dutzenden, teils mit Hakenkreuzfahnen geschmückten Autos und Motorrädern zum , der Wiener Zentrale der NSDAP.  Auf dem Weg dorthin machten sie beim Halt, um vor dem Kriegerdenkmal Blumenkränze niederzulegen.  In Richtung Innenstadt wurde die Kolonne einerseits beschimpft, am lautesten in der Leopoldstadt beim und anderseits bejubelt, vor allem in der Umgebung des Adolf-Hitler-Hauses in Mariahilf,  wo die Fahrzeuge gegen 16 Uhr eintrafen. 

Am Abend desselben Tages traten die Besucher aus Deutschland bei einer Massenveranstaltung in der Wiener als Redner auf.  Von 20:30 bis 22 Uhr, also wenige Stunden vor der "Türkenbefreiungsfeier" des Österreichischen Heimatschutzes im Schlosspark Schönbrunn, hielten die Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten eine eigene Kundgebung ab, um an die Befreiung Wiens von der "Türkenbelagerung" im Jahr 1683 zu erinnern. 

Da wie dort spielte die Tatsache keine Rolle, dass die Stadt zwar vor 250 Jahren erfolgreich gegen osmanische Truppen verteidigt wurde, allerdings nicht im Mai, sondern von Mitte Juli bis Mitte September 1683. Die geschichtlichen Ereignisse dienten ohnehin nur als Folie für aktuelle politische Auseinandersetzungen, was Hans Frank ausdrücklich betonte:

Den Standpunkt, dass Österreich und seine Hauptstadt zum Deutschen Reich gehörten, vertrat Frank auch bei einer Pressekonferenz, die am folgenden Tag, dem 14. Mai 1933, zur Mittagszeit in der in Wien abgehalten wurde. Am Nachmittag fuhr er mit dem Auto nach Graz und hielt dort auf dem Schlossberg eine Rede, die gegen die österreichische Bundesregierung gerichtet war. Anstatt jedoch am Montag, dem 15. Mai 1933, öffentlich in Salzburg aufzutreten, musste Frank der polizeilichen Aufforderung entsprechen, wieder nach Deutschland auszureisen. 

Es ist auf den ersten Blick erstaunlich, dass sich eine Zeitung mit dem Titel Reichspost 1933 für die Souveränität der Republik Österreich einsetzte. Auch der Untertitel, nämlich "Unabhängiges Tagblatt für das christliche Volk", trägt nicht zur Aufklärung dieser Verteidigungsrolle bei, sondern wirft zudem die Frage auf, weshalb sich die Neue Freie Presse und die Arbeiter-Zeitung in ihren Kommentaren zu dem Leitartikel auf das "Zentralorgan der Christlichsozialen" bzw. das "Regierungsorgan" bezogen. Beides lässt sich allerdings aus der Geschichte des Blattes erklären, dessen Gründung auf einen Beschluss des Linzer Katholikentages von 1892 zurückgeht, eine moderne christliche Zeitung für die Österreichisch-Ungarische Monarchie herauszubringen. 

Nach einigen Probenummern und Flugblättern im Lauf des Jahres 1893 erschien die Reichspost ab 1. Jänner 1894 täglich.  Friedrich Funder, der langjährige Chefredakteur und Herausgeber der Zeitung, erläuterte in seinen Memoiren, wie der programmatische Titel zu verstehen war:

Die Reichspost war demnach an die gesamte Bevölkerung der Monarchie gerichtet, stellte aber den Führungsanspruch der deutschen Österreicher gegenüber den anderssprachigen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern. Das "Reich", das die Zeitung im Titel trug, war keine Nation, kein einheitliches Volk, sondern ein umfangreiches Territorium im Zentrum Europas, dessen heterogene Bestandteile vom Kaiser, dem Souverän, zusammengehalten wurden. Mit dem Hinweis im Untertitel, es handle sich um ein "Tagblatt für das christliche Volk", stellte sich die Reichspost einerseits gegen die liberale, aus ihrer Sicht "jüdische" Presse und anderseits gegen die sozialdemokratischen Zeitungen. Im Unterschied zur Arbeiter-Zeitung, dem seit 1889 erscheinenden Zentralorgan der österreichischen Sozialdemokratie, behauptete die Reichspost, unabhängig zu sein. Tatsächlich fungierte sie aber von Anfang an als Sprachrohr der christlichsozialen Bewegung, die sich 1893 unter dem späteren Wiener Bürgermeister Karl Lueger als politische Partei konstituiert hatte. 

Es waren vor allem Funders persönliche Beziehungen, die das Blatt immer enger mit den Christlichsozialen verbanden. 1872 in Graz geboren, kam er 1896 als Student der Rechtswissenschaft zur Reichspost, machte in ihrer kleinen Redaktion in Wien schnell Karriere und wurde 1902 zum Chefredakteur und zwei Jahre später auch zum Herausgeber ernannt. Im Anschluss an Lueger vertrat Funder in zahlreichen Leitartikeln einen "christlichen Antisemitismus", der kulturelle und wirtschaftliche Einflüsse des Judentums anprangerte, aber ausdrücklich vom rassischen Antisemitismus der "Alldeutschen" (und später des Nationalsozialismus) abgegrenzt wurde. 

Da er zum Beraterkreis Franz Ferdinands gehörte und dessen großösterreichische Reformpläne unterstützte,  reagierte die Reichspost 1914 heftig auf die Ermordung des Österreichisch-Ungarischen Thronfolgers und trieb den Ausbruch des Ersten Weltkriegs publizistisch an. 
In den 1920er Jahren entwickelte sich die Zeitung zu einer Art Regierungsorgan, weil alle Bundeskanzler der neu geschaffenen Republik Österreich, abgesehen von Karl Renner und Johann Schober, aus der Christlichsozialen Partei stammten.

Namentlich die Politik von Ignaz Seipel fand Funders vorbehaltlose Unterstützung.  Seipel war nicht nur Moraltheologe und Obmann der Christlichsozialen sowie mehrmals Bundeskanzler und Bundesminister, sondern seit 1917 auch Vorsitzender des katholischen Verlags "Herold", in dem die Reichspost erschien. 

Die Zeitung begrüßte Seipels antimarxistischen Kurs und sein Eintreten für die österreichischen Heimwehren, die er als "Bollwerk gegen den Bolschewismus" förderte. So ist es nicht verwunderlich, dass sich die Reichspost von Anfang an hinter Bundeskanzler Engelbert Dollfuß stellte, mit dem Funder ebenfalls freundschaftlich verbunden war. 
Als offiziöses Sprachrohr des Kabinetts Dollfuß befürwortete die Zeitung ab März 1933 den Aufbau einer "autoritären Demokratie", die ständestaatlich organisiert werden sollte. 
Mit dieser systemkonformen Blattlinie versuchte die Reichspost, sich einerseits von der entstehenden NS-Diktatur in Deutschland und anderseits von den politischen Gegnern in Österreich abzugrenzen, die Parlamentarismus und Meinungsfreiheit für parteistrategische Zwecke missbrauchen würden. 

In seinen Memoiren, in denen viel von der Reichspost die Rede ist, vergleicht Funder eine Zeitung mit einem Staat: "unter einheitlicher Leitung ist ihre Führung eingeteilt in Sachgebiete, die ihre besonderen Fachkundigen haben und alle Gebiete menschlicher Tätigkeit umfassen". 

Der Vergleich bezieht sich offensichtlich nicht auf eine demokratische Regierungsform, sondern auf einen "Ständestaat", wie ihn Dollfuß im Sinn hatte. Während die autoritäre Führung Aufgabe des Bundeskanzlers bzw. Chefredakteurs ist, werden die menschlichen Tätigkeiten einheitlich in Berufsständen bzw. Ressorts vertreten. Diese repräsentative Organisation kam auch in der Infrastruktur der Reichspost zum Ausdruck, die 1913 in der Josefstadt, dem achten Wiener Gemeindebezirk, von der Strozzigasse 41, einem kleinen Vorstadthaus,  zur Strozzigasse 8 übersiedelte, wo auf einer Baufläche von rund tausend Quadratmetern das neue Herold-Verlagshaus errichtet wurde.  Das Kommunikationszentrum des Gebäudes bildete das als "Repräsentationsraum" angelegte Zimmer des Chefredakteurs, der über die "Masterstation" der amerikanischen Telefonanlage verfügen und Manuskripte direkt per Rohrpost in die Setzerei schicken konnte. 

So, wie der Staat einen Führer und die Redaktion einen Chef erforderte, musste in Funders Augen auch der gedruckten Zeitung ein leitender Beitrag vorangehen. Daher erschien in der Reichspost der Leitartikel immer auf der ersten Seite, gefolgt von den politischen, lokalen, kirchlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Nachrichten und Kommentaren des Tages sowie vom abschließenden Anzeigenteil. Obwohl sich dieses Genre eines journalistischen Textes, der im Namen einer Zeitung oder Zeitschrift einen aktuellen Sachverhalt kritisch kommentiert, bis ins frühe 18. Jahrhundert zurückverfolgen lässt, kamen die Bezeichnungen leading article oder Leitartikel erst am Beginn des 19. Jahrhunderts auf. 

Der Grund liegt in der auch formal leitenden Funktion des Artikels, die erst möglich wurde, als Zeitungen nicht mehr nur eine Reihe von Nachrichten abdruckten, sondern verschiedene Ressorts und dann auch Titelseiten mit Schlagzeilen des Tages entstanden.

Idealtypisch gesehen, befindet sich der Leitartikel also auf dem Titelblatt und kommentiert die aus Sicht der Redaktion wichtigste Nachricht der Zeitung. Er soll in seiner führenden Position sowohl die folgenden Beiträge als auch die Lektüre anleiten. Wie das Beispiel "Unerwünschter Besuch" zeigt, übt der Leitartikel diese Führungsaufgabe aber nicht nur inhaltlich aus. Mehr noch, als den Leserinnen und Lesern mitzuteilen, was sie denken sollen, führt der Leitartikel vor, wie man denkt. Er geht von einem bestimmten Anlass, einer aktuellen Nachricht aus, betrachtet sie von verschiedenen Seiten und nimmt schließlich einen bestimmten Standpunkt ein. Dieser Verlauf vom Sachverhalt über die Argumentation zur Interpretation demonstriert tagtäglich den Prozess einer Urteilsbildung. Waren die Essays der Londoner Zeitschriften im frühen 18. Jahrhundert – etwa in Daniel Defoes Review oder Jonathan Swifts Examiner – oft spielerische Versuche, sich einem Gegenstand subjektiv anzunähern, 

gibt das strikte Format des Leitartikels eine allgemeine Denkstruktur vor. Es ist in der Regel auch kein individuelles Subjekt, kein Autor bzw. keine Autorin, sondern die kollektive Vorstellungskraft einer Zeitung, die im Leitartikel einen Teil der Wirklichkeit repräsentiert.

Funders Verlangen nach einer souveränen Führung und einer repräsentativen Ordnung, sei es des Staates oder der Zeitung, mag handwerkliche Gründe gehabt haben. Denn er lernte noch eine Art der Zeitungsproduktion kennen, die ihm das Chaos der Zeichen täglich vor Augen führte. In seinen Memoiren findet sich diese anschauliche Passage über die Redaktionsarbeit der Reichspost im alten Redaktionshaus in der Wiener Strozzigasse 41:

Kaum anders, wie es Johannes Gutenberg Mitte des 15. Jahrhunderts entwickelt hatte, wurden auch in der Wiener Reichspost um 1900 noch die beweglichen Lettern aus dem Setzkasten genommen, spiegelverkehrt in den Winkelhaken gelegt und mit Zwischenräumen eingerichtet, damit sich ein mehrzeiliger Blocksatz ergab.  Den fertigen Handsatz musste der Metteur, der Schriftsetzer, fest zusammenschnüren, um diese bleierne Form mit einer Winde in die Stereotypie abseilen zu können,  wo die Matrizen und die Bögen für die Rotationspresse gegossen wurden.  War der Setzer ungeschickt oder nervös, fielen die Buchstaben entweder gänzlich auseinander oder kamen zumindest in Unordnung, sodass auf dem gedruckten Papier Unsinn entstand. Nach Funders drucktechnischen Erfahrungen war es also erforderlich, diese willkürlichen Zeichen zusammenzuhalten, buchstäblich zu formen. Andernfalls löste sich die vernünftige Repräsentation, wie sie der Leitartikel musterhaft verkörpert, in ein großes Chaos auf.

Ort
Verlagshaus der Reichspost
Moment
Publikation von "Unerwünschter Besuch"
Raum
N 48.207051° | E 16.349469°
Zeit
1933 a 128 d 6 h 0 min p. Chr.
Mediationen




Den Verstand gebrauchen:
Souveräne Zeichen
Das Leben einfangen:
Prüfende Blicke
Die Stimme erheben:
Gelenkte Sendungen

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