Neue Freie Presse

14. Mai 1933     6:00 Uhr

Neue Freie Presse

Die Neue Freie Presse veröffentlicht in der Sonntagsausgabe vom 14. Mai 1933, erhältlich ab 6 Uhr, einen Essay mit dem Titel "Humbug, Bluff und Ballyhoo: Von Barnum bis Bernays". 

Der Publizist und Theaterregisseur Arthur Rundt beschreibt einen historischen "Wandel des amerikanischen Geistes" anhand von zwei Experten der öffentlichen Meinung: "Zu Beginn steht der Name des großen Schau- und Reklamemannes Phineas Taylor Barnum, am Ende der Analytiker der Massenpsyche Eduard L. Bernays […]."  Bevor der Text im wichtigsten bürgerlichen Blatt Wiens erschien, dessen Redaktion sich in der Fichtegasse 11 befand, war er im April-Heft der Berliner Zeitschrift Der Querschnitt herausgekommen.  Dem Beitrag liegt ein Artikel über die "Wissenschaft des Ballyhoo" zugrunde, den John T. Flynn ein Jahr zuvor in Atlantic Monthly publiziert hatte.  Für beide Autoren gehören Barnums große Bluffs ins 19. Jahrhundert; das zeitgenössische Amerika stehe hingegen im Zeichen wissenschaftlicher Public Relations, wie sie Bernays, ein Neffe Sigmund Freuds, betreibe.

Barnums Karriere als Schausteller begann 1835, als er eine alte, blinde Sklavin kaufte und öffentlich behauptete, es handle sich um Joice Heth, die Amme von George Washington. Tatsächlich war die Frau nicht 161-jährig, sondern nur halb so alt, wie sich nach ihrem Tod herausstellte. Auch für das American Museum in New York, das Barnum 1841 übernahm, wurden "Humbug, Bluff und Ballyhoo" inszeniert. 

Der Artikel in der Neuen Freien Presse erwähnt beispielsweise den "Zwerggeneral" Tom Thumb: Barnum brachte einem kleinwüchsigen Jungen bei, historische Figuren wie Herkules oder Napoleon zu imitieren, und zeigte die Kunststücke in seinem Kuriositätenkabinett.  Da die Show großes Aufsehen erregte, tourten die beiden durch Europa, wo General Thumb sogar vor der englischen Königin und dem russischen Zaren auftrat. Nachdem das American Museum niedergebrannt war, gründete Barnum einen Wanderzirkus, dessen Hauptattraktion, ein afrikanischer Elefant, in den USA eine "Jumbomania" auslöste. 

Im Gegensatz zu Barnum, der sich selbst "Prinz Humbug" nannte, 

zog es Edward Bernays vor, seine Kampagnen aus dem Hintergrund zu führen.  Für Rundt, den Autor der Neuen Freien Presse, galt er als "interessantester und geistig ernstester Vertreter" des Ballyhoo, d.h. einer indirekten "Reklame mit dem Umweg über die Psychologie".  Edward war 1891 in Wien zur Welt gekommen, als Sohn von Sigmund Freuds Schwester Anna und ihrem Mann Ely Bernays, dem Bruder von Martha Bernays, Freuds Ehefrau. Die Familie emigrierte ein Jahr später in die USA, wo Bernays nach dem Wunsch seines Vaters Landwirtschaft studierte, dann aber als Journalist arbeitete. Im Ersten Weltkrieg war er für das "Committee on Public Information" tätig, das Präsident Woodrow Wilson als amerikanisches Propagandabüro einrichtete.

1919 eröffnete Bernays in New York seine erste Agentur als "Berater für Public Relations" – eine Bezeichnung, die der bekannte Pressesprecher Ivy Lee gelegentlich verwendet hatte. 

Anders als seine Vorgänger versuchte der junge PR-Berater aber nicht, die Meinungen und Produkte seiner Klientinnen und Klienten auf direktem Weg zu verbreiten, sondern Voraussetzungen zu kreieren, die ihnen den Weg zu bahnten.  "Moderne Propaganda", heißt es in Bernays' Programmschrift von 1928, "ist das stetige, konsequente Bemühen, Ereignisse zu formen oder zu schaffen mit dem Zweck, die Haltung der Öffentlichkeit zu einem Unternehmen, einer Idee oder einer Gruppe zu beeinflussen." 

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13. Mai 1933 – 14:00
14. Mai 1933 – 14:00

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