Friedensbrücken-Kino

13. Mai 1933     23:00 – 1:00 Uhr

Friedensbrücken-Kino

Im Wiener Friedensbrücken-Kino in der Klosterneuburger Straße 33 sind am Samstag, dem 13. Mai 1933, spät abends zwei exemplarische Werke des russischen Films zu sehen: Der "Bund der Freunde der Sowjetunion" zeigt ab 23 Uhr Panzerkreuzer Potemkin von Sergej Eisenstein und Turksib von Viktor Turin. 

Bei dem 1928 gegründeten Verein, geleitet von der Ärztin und Autorin Marie Frischauf, handelte es sich um eine kommunistische Gruppe, die sich zum Ziel gesetzt hatte, die Politik der UdSSR in Österreich zu propagieren. Sie gaben eine Zeitschrift heraus, veranstalteten Vorträge und Ausstellungen sowie 1931 eine Reise ins östliche "Arbeiterparadies".  Als ein zentrales Werbemittel der Sowjet-Freunde dienten russische Filme, die in verschiedenen Kleinkinos aufgeführt wurden. 1913 als Wailand-Lichtspieltheater eröffnet, bot das Friedensbrücken-Kino um 1930 Platz für 360 ZuseherInnen. 

Der Stummfilm Panzerkreuzer Potemkin, 1925 in Moskau uraufgeführt, erzählt die Geschichte einer Meuterei, die im Revolutionsjahr 1905 auf dem Kriegsschiff Potemkin stattgefunden hatte: Matrosen weigern sich, madiges Fleisch zu essen, werfen die zaristischen Offiziere über Bord und verbrüdern sich mit den streikenden Einwohnerinnen und Einwohnern der Hafenstadt Odessa, wo der Aufstand von Kosaken blutig niedergeschlagen wird. Die Potemkin jedoch entkommt der anrückenden Admiralsflotte, deren Kanonenrohre sich zuletzt senken, um die fliehenden Kameraden passieren zu lassen. 

In der berühmtesten Sequenz des Films, wo die Leute von Odessa auf der Hafentreppe vor den schießenden Soldaten flüchten, wechseln Detailaufnahmen der stapfenden Stiefelreihe mit Bildern einer verzweifelten Mutter, die ihr erschossenes Kind in den Armen hält, Gewehrläufe werden in immer kürzeren Einstellungen mit entsetzten Gesichtern kontrastiert, bis ein Baby im Wagen allein die Stufen hinabrollt.  Die Szene soll Pathos hervorrufen, das Publikum in einen ekstatischen Zustand versetzen. 

Nach Eisensteins Verständnis gehen körperliche, emotionale und intellektuelle Effekte des Films ineinander über. Die Montage der Einstellungen löst motorische Bewegungen aus: Die ZuseherInnen weichen zurück, verziehen das Gesicht, verdecken die Augen. Die aufkommende Abscheu und die Schlussfolgerung, es müsse für Gerechtigkeit gesorgt werden, sind aus Eisensteins Sicht ebenfalls (hirn)physiologische Reaktionen auf Sinnesreize. 

Ob es dem Regisseur bzw. der Regisseurin gelingt, diese Wirkung zu erzielen, ist eine Frage der Kunstfertigkeit. Im Fall von Panzerkreuzer Potemkin waren sich die Fachleute stets einig, sogar Joseph Goebbels: "Er ist fabelhaft gemacht, er bedeutet eine filmische Kunst ohnegleichen", sagte der nationalsozialistische Propagandaminister in einer Rede vor deutschen Filmschaffenden am 28. März 1933 in Berlin. 

Turksib war um 1930 zwar ebenfalls ein großer Erfolg, gilt filmwissenschaftlich aber nicht als Meisterwerk. 

Viktor Turin, der in den USA studiert hatte, drehte die Dokumentation über das Bauprojekt der sowjetischen Regierung, die Turkestan-Sibirische Eisenbahn, in der Art eines Spielfilms. Er verwendete ein Drehbuch von Viktor Schklowski, setzte Arbeiter als Schauspieler ein und überzog das Budget des kleinen Filmunternehmens Wostok-Kino. Als der Film 1929 herauskam, waren KritikerInnen wie ZuschauerInnen begeistert, und zwar nicht nur in Russland, sondern auch im europäischen Ausland.  Turksib stellt den Bau der Eisenbahnstrecke als einen Kampf dar, den Menschen mit Maschinen gegen die Natur führen.  Nachdem die Ingenieure das Gelände vermessen und die Strecke geplant haben, bricht die Zivilisation in Form der stählernen Dampfmaschine durch Wüste und Eis, um Getreide in den Süden und Baumwolle in den Norden der Sowjetunion zu transportieren.

Turins orientalistischer Blick auf das asiatische Staatsgebiet kommt deutlich in einer Sequenz zum Ausdruck, die ein Rennen zwischen Nomaden und einer Lokomotive inszeniert. 

Die kasachischen Männer jagen dem Zug auf Pferden, Stieren, Kamelen hinterher, wirken mit ihren Tieren aber lächerlich im Vergleich zu der rasenden Lok, deren Eisenräder und Rauchsäulen groß im Bild erscheinen. So zeigt Turksib keinen Klassenkonflikt, sondern eine ethnische Kluft zwischen einem fortschrittlichen Europa und einem rückständigen Asien – eine Botschaft, die wohl zum internationalen Erfolg des Films beitrug.  In Wien konnten sich die feindlichen Parteien am 13. und 14. Mai 1933 jedenfalls auf diesen Gegensatz verständigen, sei es im kommunistischen Kino oder bei den "Türkenbefreiungsfeiern", die am Samstag in der Engelmann-Arena und am Sonntag im Schlosspark Schönbrunn stattfanden.

Zeitleiste
0 h
24 h
13. Mai 1933 – 14:00
14. Mai 1933 – 14:00

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