Burgtheater

13. Mai 1933     19:30 – 22:30 Uhr

Burgtheater

Während im UFA-Ton-Kino Fritz Langs Das Testament des Dr. Mabuse läuft und NS-AnhängerInnen in der Engelmann-Arena eine "Türkenbefreiungsfeier" abhalten, führt das Wiener Burgtheater am Samstagabend, dem 13. Mai 1933, das Stück Hundert Tage auf. Der italienische Originaltext, der den Titel Campo di maggio trägt, stammt von Giovacchino Forzano, verfasst nach Anweisungen des italienischen Ministerpräsidenten Benito Mussolini, die deutsche Übersetzung von Géza Herczeg. Uraufgeführt am 30. Dezember 1930 in Rom, fand die Burgtheater-Premiere mit Werner Krauß als Napoleon am 22. April 1933 statt. 

Der dritte Akt wurde im Rundfunk international übertragen. 

Das Drama handelt von Napoleons Herrschaft der Hundert Tage im Jahr 1815 zwischen seinen Exilen auf den Inseln Elba und Sankt Helena. Zum Originaltitel vermerkt die deutsche Ausgabe, die 1933 im Wiener Verlag Zsolnay herauskam:

"Campo di Maggio" (Campus Madius), Maifeld, hieß ursprünglich "Campus Martius" (Champ de Mars) und war eine unter den Merovingern jährlich einmal im März abgehaltene Volksversammlung, Heerschau, Kriegsberatung. Von Pippin dem Kleinen wurde es in den Mai verlegt. Karl der Große hielt das "Maifeld" auch im Juni oder August ab, wie das napoleonische "Maifeld" gleichfalls im Monat Juni stattfand. 

Das Stück beginnt in der Nacht vor dieser Nationalversammlung am Pariser Champ de Mars, wo Napoleon einer Verfassung zustimmt. 

Ein schwerwiegender Fehler, wie die weitere Handlung nahelegt. Denn als der konstitutionelle Monarch von der Niederlage in Waterloo zurückkehrt, verweigert ihm das Parlament die Unterstützung, sein Vaterland zu verteidigen. Napoleon muss fliehen und Frankreich einen demütigenden Frieden akzeptieren. Fast alle Kritiken der Aufführung am Burgtheater, die in der Wiener Presse erschienen, hoben als Mussolinis Botschaft hervor, dass Napoleon als Staatsmann nicht am militärischen Gegner gescheitert sei, sondern weil er sich mit der Demokratie eingelassen habe. "Ein Mensch, nur einer, aber dieser Rechte am rechten Platze", fasste der Theaterkritiker der christlichsozialen Reichspost die dramatische Lektion zusammen, "kann im gefährlichsten Augenblicke die Rettung bringen." 

Was die politische Tendenz des Stücks betrifft, kritisierte David Josef Bach in der sozialdemokratischen Arbeiter-Zeitung, dass die Wiener Inszenierung "Veränderungen, Verschärfungen, Verfälschungen" des publizierten Texts vornähme. 

Tatsächlich unterscheidet sich die Bühnenfassung des österreichischen Journalisten und Dramatikers Hanns Sassmann, die Burgtheaterdirektor Hermann Röbbeling selbst inszenierte, deutlich von Herczegs Übersetzung. So lautet etwa die entscheidende Szene, als Napoleon nach der Schlacht bei Waterloo vor den Pariser Ministerrat tritt, in der deutschen Buchausgabe:

Meine Herren! Ich bin zurückgekehrt, die Nation zu veranlassen, sich zu einem edelmütigen Opfer aufzuschwingen, damit Frankreich sich wieder erhebe und der Feind vernichtet werde. Alles ist verloren, wenn man, anstatt zu handeln, sich jetzt mit Reden aufhält. Der Feind steht in Frankreich. Außerordentliche Maßnahmen sind notwendig. Ich benötige, um das Vaterland retten zu können, besondere Vollmachten. Ich verlange die Diktatur für eine bestimmte Zeit. Zum Wohle des Volkes könnte ich mich ihrer leicht bemächtigen. Ich halte es jedoch im Interesse des Ansehens der Nation für würdiger und angesichts des Feindes für klüger, wenn mir die Diktatur von der Kammer angeboten wird. 

Neben kleineren Textänderungen enthält die Passage im Regiebuch außerdem folgenden Satz: "Ich könnte die Verfassung beseitigen, denn eine Verfassung hat sich selbst widerlegt, wenn sie die Handlungen der Regierenden stört." 

Diese Haltung entsprach der Argumentation des österreichischen Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß, der das Land seit März 1933 anhand von Notverordnungen regierte. Mit Unterstützung Mussolinis, selbst Duce del fascismo in Italien, wollte der christlichsoziale Politiker die demokratische Republik in einen autoritären "Ständestaat" unter seiner Führung umbauen.  Wie Napoleon in Hundert Tage betonte die Regierung Österreichs, dass ihre Sonderrechte nötig seien, um die Souveränität des Vaterlandes zu verteidigen. Im Theaterstück verkörpert Polizeiminister Joseph Fouché den Typus des skrupellosen Funktionärs, der seine Wähler vertreten soll, aber nur die eigenen Interessen verfolgt. Ihm steht Napoleon als vernünftiger Führer gegenüber, der im Sinn des Volkes handelt – eine Rolle, die Dollfuß für sich selbst vorschwebte. 

Hundert Tage war in Wien ein außerordentlicher Publikumserfolg. "Der cäsarischen Anstrengung aller Beteiligten entsprach ein wahrhaft napoleonischer Beifall", schrieb der Theaterkritiker Raoul Auernheimer nach der Premiere in der bürgerlichen Neuen Freien Presse

Bis Ende Juni 1933 wurde das Stück 36-mal aufgeführt und von rund 54.000 Zuschauerinnen und Zuschauern gesehen.  1776 von Kaiser Joseph II. zum Deutschen Nationaltheater erklärt, befindet sich das Burgtheater seit 1888 an der Ringstraße gegenüber dem Wiener Rathaus. 

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13. Mai 1933 – 14:00
14. Mai 1933 – 14:00

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