Radio Wien

14. Mai 1933     10:20 – 11:05 Uhr

Radio Wien

Radio Wien überträgt am Sonntag, dem 14. Mai 1933, von 10:20 bis 11:05 Uhr die Ansprachen, die bei der "Türkenbefreiungsfeier" im Schlosspark Schönbrunn gehalten werden. 

Als Redner der Veranstaltung, die offiziell zur Erinnerung an die Befreiung Wiens von der "Türkenbelagerung" im Jahr 1683 stattfindet, treten Heimwehrführer Ernst Rüdiger Starhemberg, Sicherheitsminister Emil Fey und Bundeskanzler Engelbert Dollfuß auf,  der in die Reihe von Mikrofonen spricht: "Fremdgeist und fremde Ideen sind in unserem Volk, haben sich eingenistet und haben böses Unheil angerichtet."  Um diese verfeindete Ideologie, nämlich den "roten" und "braunen" Sozialismus zu bekämpfen, setzt die österreichische Regierung, die seit März 1933 einen autoritären Kurs verfolgt, den Rundfunk für ihre propagandistischen Zwecke ein. 

Die Live-Übertragung der Kundgebung in Schönbrunn war ein Tabubruch, der öffentlichen Protest hervorrief. 

So berichtete die sozialdemokratische Arbeiter-Zeitung am 16. Mai 1933 von mehr als 10.000 Hörerinnen und Hörern, die ihren Radioanschluss kündigten, weil am "Sonntag – abweichend von der bisherigen Übung, parteimäßige Veranstaltungen im Radio nicht zu übertragen – die sogenannte 'Türkenbefreiungsfeier' des österreichischen Heimatschutzes gesendet" wurde.  Die Radio-Verkehrs-AG (RAVAG) war seit ihrer Gründung im Jahr 1924 zu politischer Neutralität verpflichtet, die ein Beirat in wöchentlichen Sitzungen kontrollierte.  Der Bundespressedienst im Kanzleramt nahm zwar Einfluss auf die Nachrichtensendungen; parteipolitische Reden sollte es im österreichischen Rundfunk aber nicht zu hören geben.

Die Opposition kritisierte nun, dass die Bundesregierung Radio Wien, dessen Zentrale sich in der Johannesgasse 4 befand, als Sprachrohr missbrauche. 

Es würden Ansprachen ausgestrahlt, die politisch erwünscht seien, und gegnerische Stimmen mundtot gemacht.  Als Beispiel führte die Arbeiter-Zeitung am Tag der "Türkenbefreiungsfeier" die Absetzung einer Sendung an, die für den 17. Mai 1933 vorgesehen war. Die Wiener Bezirksrätin Kamilla Groß hätte im Rahmen der "Arbeiterkammerstunde" über die Rechte von Hausgehilfinnen sprechen sollen. Der Vortrag sei mit der Begründung vom Programm genommen worden, dass gerade eine sozialpolitische Reform stattfinde und es "Beschwerden von Hausfrauen" gegen solche Sendungen gebe. 

Die Kluft zwischen dem Radioprogramm und den Wünschen der HörerInnen in Österreich zeigte sich auch in einer Studie, die Anfang der 1930er Jahre von der Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle durchgeführt wurde. 

Die RAVAG hatte das von Paul Lazarsfeld geleitete Institut beauftragt, den Publikumsgeschmack mit statistischen Mitteln zu erheben. Es erstellte einen Fragebogen, der im November 1931 den Rundfunkzeitschriften beigelegt wurde und auch in Tabaktrafiken erhältlich war.  Innovativ an der Untersuchung, deren Ergebnisse ein Jahr später vorlagen, war nicht so sehr die quantitative Messung der Publikumswünsche, sondern vor allem die Tatsache, dass sie Aufschluss über die Vorlieben und Abneigungen verschiedener Sozialgruppen gab.  Denn auf dem Fragebogen mussten auch Angaben zu Alter, Geschlecht, Beruf und Wohnort gemacht werden. Indem die RAVAG-Studie Radioprogramme mit sozialen Daten verknüpfte, brach die Masse des Publikums in spezifische Zielgruppen auseinander.

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13. Mai 1933 – 14:00
14. Mai 1933 – 14:00

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