Karl-Marx-Hof

14. Mai 1933     10:00 – 12:00 Uhr

Karl-Marx-Hof

"Heute demonstrieren die Hahnenschwänzler in Schönbrunn für den Faschismus", heißt es am Sonntag, dem 14. Mai 1933, im sozialdemokratischen Kleinen Blatt: "Das republikanische Volk von Wien wird zur selben Stunde in den Volkswohnbauten der Gemeinde Feste der republikanischen Freiheit begehen." 

Während der Österreichische Heimatschutz im Schlosspark Schönbrunn an ein vergangenes Heldenzeitalter erinnert, blickt das "Rote Wien" in eine sozialistische Zukunft.  Am Samstag, dem 13. Mai 1933, war in der Arbeiter-Zeitung eine programmatische Erklärung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei erschienen, die Österreichs Annexion durch ein Deutschland unter Adolf Hitler strikt ablehnte.  Allerdings solle "Deutschösterreich" kein autoritär geführter "Ständestaat" werden, wie es sich die gegenwärtige Bundesregierung vorstelle, sondern eine demokratische Republik bleiben, die "deutscher Freiheit und deutscher Kultur" ein Asyl biete. Das langfristige Ziel der österreichischen Sozialdemokratie blieb jedoch der "Anschluß an ein freies und friedliches Deutschland der Zukunft". 

Eine der rund fünfzig "Freiheitsfeiern", die am 14. Mai 1933 in Wien stattfinden, wird im Karl-Marx-Hof in der Heiligenstädter Straße 82–92 veranstaltet, der damals zu den größten Wohnanlagen Wiens zählte. Mit 1.382 Wohnungen für ca. 5.000 Personen hatte der zwischen dem Bahnhof Heiligenstadt und dem Stadion Hohe Warte gelegene Gemeindebau die Ausmaße einer Kleinstadt. 

In den beiden Innenhöfen, die durch einen Mitteltrakt mit Durchfahrten und Turmaufbauten verbunden sind,  werden von 10 bis 12 Uhr Platzkonzerte gegeben und politische Reden gehalten.  Von den 156.027 m2 der Gesamtfläche waren 28.751 m2 überbaut, also nur knapp ein Fünftel. Die "Freiheitsfeier" findet zwischen den weitläufigen Gartenanlagen und Spielplätzen statt, die zur gemeinschaftlichen Nutzung vorgesehen waren.

"Nur eine öffentliche Bautätigkeit, welche auf die Volksgesundheit bedacht ist, kann und muß auch die hygienische Seite des Bauens in so umfangreichen Maße berücksichtigen", erklärte das Wiener Stadtbauamt in der Eröffnungsbroschüre des Karl-Marx-Hofs. 

Die Mehrzahl der Wohnungen war 38 bis 48 m2 groß und mit Einbauküche, fließendem Wasser und Toilette ausgestattet. Bäder mit Wannen und Brausen befanden sich hingegen im öffentlichen Bereich der Anlage, wo auch elektrisch betriebene Wäschereien, zwei Kindergärten, eine Zahnklinik, eine Apotheke und eine Krankenkasse mit Ambulatorium, ein Jugendheim und ein Postamt, eine Bibliothek sowie zahlreiche Geschäftslokale untergebracht waren. 

Es ist charakteristisch für die Wiener Raumplanung der Zwischenkriegszeit, dass auf der Hagenwiese in Heiligenstadt keine Siedlung, sondern von 1926 bis 1930 ein Wohnblock errichtet wurde. Anstelle des Karl-Marx-Hofs wäre auch die Anlage einer Gartenstadt möglich gewesen, wie sie der Architekt Adolf Loos Anfang der 1920er Jahre als Leiter des Wiener Siedlungsamtes befürwortet hatte. 

Die sozialdemokratische Stadtregierung schlug allerdings einen anderen Weg ein, als sich die Hungersnot nach dem Ersten Weltkrieg verringert hatte: Von 1923 bis 1934 entstanden in Wien etwa 400 Gemeindebauten mit rund 64.000 Wohnungen, die über Zimmerfenster, Klosett, Fließwasser und Gasherd verfügten. 

Auch was den Entwurf betrifft, stellt der Karl-Marx-Hof einen typischen Fall dar. Denn sein Architekt Karl Ehn war ein Student von Otto Wagner, dessen Städteplanung den Gemeindebau nachhaltig prägte. Die monumentalen Wohnblöcke setzten der bürgerlichen Repräsentation, wie sie die Wiener Ringstraße zum Ausdruck brachte, sozialistische Institutionen entgegen. 

Das Leben im Gemeindebau war streng geregelt – vom Stundenplan der Müllentleerung bis zur Geschlechtertrennung in den Wäschereien.  In den Innenhöfen sollte sich jene kommunale Solidarität entwickeln, die von der Stadtregierung angestrebt wurde.  So boten die Gemeindebauten am 14. Mai 1933 die erforderliche Infrastruktur, um eine Gegenöffentlichkeit zur austrofaschistischen "Türkenbefreiungsfeier" zu bilden.

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13. Mai 1933 – 14:00
14. Mai 1933 – 14:00

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