Schlosspark Schönbrunn

14. Mai 1933     9:00 – 12:00 Uhr

Schlosspark Schönbrunn

Der Österreichische Heimatschutzverband hält am Sonntag, dem 14. Mai 1933, eine "Türkenbefreiungsfeier" im Schlosspark Schönbrunn ab. 

Mitglieder der paramilitärischen Heimwehren reisen aus dem ganzen Land in Sonderzügen an, brechen früh morgens von den Wiener Bahnhöfen zum ehemaligen Kaiserpalast auf und formieren sich bis 9 Uhr in der barocken Gartenanlage.  Die Teilnehmerzahlen schwanken je nach politischer Tendenz der Quelle zwischen 20.000 und 40.000 Mann.  Nachdem die Vertreter der Bundesregierung eingetroffen sind, wird eine katholische Feldmesse gelesen. Um 10:20 Uhr beginnen die Ansprachen zur Erinnerung an die Befreiung Wiens von der Zweiten "Türkenbelagerung" im Jahr 1683, die bis 11:05 Uhr live von Radio Wien übertragen werden.   Im Anschluss an eine Luftparade mit Flugzeugen des Heimatschutzes marschieren die Heimwehrleute über die Schlossallee, die Mariahilfer Straße, die Babenbergerstraße und die Ringstraße zum Schwarzenbergplatz, wo die ersten Truppen gegen 13 Uhr eintreffen.

Die Idee für die Kundgebung stammte von Ernst Rüdiger Starhemberg, dem Bundesführer des Österreichischen Heimatschutzverbandes, der Bundeskanzler Engelbert Dollfuß eine propagandistische Truppenschau vorschlug und sich von Benito Mussolini, dem faschistischen Ministerpräsidenten Italiens, finanzielle Unterstützung sicherte. 

Nachdem Adolf Hitler Ende Jänner 1933 das deutsche Kanzleramt übernommen hatte, nutzte die österreichische Regierung Anfang März den Rücktritt der Nationalratspräsidenten, um ebenfalls einen autoritären Kurs einzuschlagen. Das Kabinett verhinderte die Parlamentsarbeit und regierte kurzerhand mit Notverordnungen. Obwohl sich die Befreiung Wiens von der Zweiten "Türkenbelagerung" erst am 12. September zum 250. Mal jährte, sollte bereits im Frühling ein öffentliches Zeichen für Österreich als einer souveränen deutschen Nation gesetzt werden:

Die Türkenbefreiungsfeier des österreichischen Heimatschutzes hat den Zweck, den Kameraden, aber auch sonstigen weiten Bevölkerungskreisen die welthistorische Tatsache in Erinnerung zu bringen, daß vor nunmehr 250 Jahren Christentum, deutsche Sitte und Kultur und damit auch das damalige Deutsche Reich auf österreichischem Boden gegen östliche Barbarei gerettet wurde. 

Für diesen Zweck bewilligte die Bundesregierung nicht nur die ehemalige Sommerresidenz der Habsburger als Veranstaltungsort, den großteils im 18. Jahrhundert erbauten Schlosspark Schönbrunn

sondern erlaubte zwei Tage vorher, am 12. Mai 1933, Ausnahmen vom geltenden Aufmarschverbot. Bei "besonderen patriotischen und staatsfördernden Veranstaltungen", hieß es in der amtlichen Mitteilung, könne Sicherheitsminister Emil Fey, der auch Landesführer der Wiener Heimwehren war, in Absprache mit dem Bundeskanzler politische Kundgebungen erlauben. 

Alle drei Politiker – Fey, Starhemberg und Dollfuß – treten bei der "Türkenbefreiungsfeier" als Redner auf. Fey erinnert in seiner Ansprache an die genealogische Linie, die von den Ereignissen des Jahres 1683 zur gegenwärtigen Lage Österreichs führe. 

Er bezieht sich auf Graf Ernst Rüdiger von Starhemberg, der Wien als Stadtkommandant gegen die osmanischen Truppen verteidigt hatte und dessen gleichnamiger Nachkomme nun eine tragende Rolle im Aufbau des autoritären "Ständestaates" spielen wollte.  Starhemberg richtet dann einen Appell an Engelbert Dollfuß, dem "unwürdigen Dasein" des Landes ein Ende zu machen und das Volk vor "Parteipolitik" und "Klassenkampf" zu bewahren: "Seien Sie dieser Retter und seien Sie überzeugt, alles geht mit Ihnen und alles ist bei Ihnen, wenn Sie darangehen, Österreich zu retten."  

Der Bundeskanzler behauptet in seiner Uniform der Tiroler Kaiserschützen, dass die Regierung in zwei Monaten mehr geleistet habe als die "Parlamentsmaschine" in den letzten zwei Jahren. Er kämpfe nicht gegen Menschen an, sondern gegen "falsche Ideen", denn nach dem Ende des Weltkriegs sei "der Feind in das Volk eingedrungen. Fremder Geist und fremde Ideen", sagt Dollfuß, "haben sich in unserem Volk eingenistet und haben böses Unheil angerichtet." Es gelte, die "rote Flut […] in ihrem inneren Ideengehalt auszumerzen" und auch der nationalsozialistischen Verhetzung stolz entgegenzutreten: "Wir wollen den Geist in unserer Heimat wieder erneuern in dem Zeichen, in dem vor zweihundertfünfzig Jahren das christliche Abendland vom Asiatentum befreit worden ist, im Zeichen des einfachen Christenkreuzes." 

 

Dass es im Sommer 1683 um die Verteidigung europäischer Kultur gegangen sei, wurde auch in den bürgerlichen Zeitungen hervorgehoben. 

Für die Neue Freie Presse war die "Türkenbelagerung" eine "Weltentscheidung zwischen westlicher und östlicher Menschheit", die sich Wien als Schauplatz gewählt hatte.  In der Illustrierten Das interessante Blatt beschrieb der damalige Direktor des Staatsarchivs, Heinrich Kretschmayr, wie sich die Stadt als "Vorwerk der Christenheit" bewährt habe: Mit der Befreiungsschlacht vom 12. September 1683 sei die Habsburgermonarchie zur "Vollbringerin einer weder staatlich noch national begrenzten, sondern gesamteuropäischen Leistung" geworden.  Bei der "Türkenbefreiungsfeier" vom 14. Mai 1933 dient das Geschichtsbild, wonach das Abendland in Wien gerettet wurde, hingegen als Antrieb, um Österreich als souveräne Nation zu erhalten. Laut dem Neuen Wiener Tagblatt legten "heimattreue Männer" im Schlosspark Schönbrunn ein "Bekenntnis für den fortdauernden Lebenswillen des deutschösterreichischen Stammes und für den Entschluß" ab, "die deutsche Mission im Südosten des nationalen Siedlungsgebietes als unabhängiges, nach seinen eigenen Wesensgesetzen sich selbst verwaltendes Staatswesen fortzuführen." 

Ob Österreich als eigenständiger Staat weiterbestehen sollte, war seit dem Ende des Ersten Weltkriegs umstritten. Der Standpunkt, dass sich der kleine Rest der ehemaligen Habsburgermonarchie ans Deutsche Reich anschließen sollte, wurde nicht nur von rechts, sondern auch von der Sozialdemokratie vertreten, die ihre Meinung erst mit der nationalsozialistischen "Machtergreifung" änderte. "Der Anschluß an ein freies und friedliches Deutschland der Zukunft bleibt unser Ziel", heißt es am Samstag, dem 13. Mai 1933, im sozialdemokratischen Zentralorgan, "alle Bestrebungen nach dem Anschluß Österreichs an das fascistische und nationalistische Deutschland von heute bekämpfen wir als eine Gefahr für die Freiheit des österreichischen Volkes und für den Frieden Europas." 

Während die Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten bei der Kundgebung in der Engelmann-Arena den Zusammenschluss der beiden Staaten fordern, ruft die Sozialdemokratische Arbeiterpartei ihre AnhängerInnen auf, die republikanischen "Freiheitsfeiern" zu besuchen, die am Sonntagvormittag in den Wiener Gemeindebauten stattfinden – dem Karl-Marx-Hof, zum Beispiel. Die Heimwehrführer richten den Blick hingegen weniger nach vorne als in eine Geschichte, "die man das Heldenzeitalter Österreichs nennt. Ein Volk, das seine Vergangenheit nicht ehrt, hat keine Zukunft", schrieb Ernst Rüdiger Starhemberg im Schlusswort der Weisungen für die Türkenbefreiungs-Gedenkfeier am 14. Mai 1933 in Wien

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13. Mai 1933 – 14:00
14. Mai 1933 – 14:00

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