Topografie
Topologie

Überblick

Überblick

Campus Medius erforscht und erweitert die Möglichkeiten der digitalen Kartografie in den Kultur- und Medienwissenschaften. In dieser Einführung erläutert der Projektleiter Simon Ganahl die Entwicklung der Website von einer historischen Fallstudie zu einer Mapping-Plattform.

  1. Der erste Abschnitt präsentiert die ursprüngliche Version (1.0/2014) von campusmedius.net, eine interaktive Karte mit Zeitleiste, die fünfzehn Ereignisse innerhalb von 24 Stunden am Wochenende des 13. und 14. Mai 1933 in Wien darstellt.
  2. Der zweite Teil beleuchtet die aktuelle Projektversion (2.0/2021), die zusätzlich auf das Hauptereignis dieses beispielhaften Zeit-Raums bzw. Chronotopos fokussiert: eine austrofaschistische "Türkenbefreiungsfeier" im Schlosspark Schönbrunn, die aus der Vogelschau, im Panorama und in der Straßenansicht anhand von je fünf Mediatoren vermittelt wird.
  3. Der folgende Abschnitt behandelt die technische Infrastruktur sowie das Datenmodell von Campus Medius, das die theoretischen Konzepte des Dispositivs und des Akteur-Netzwerks operationalisiert.
  4. Abschließend skizzieren wir unsere Pläne zum Aufbau einer digitalen Plattform, wo alltägliche Medienerfahrungen beschrieben und visualisiert werden können. 

1. Topografie: Campus Medius 1.0 (2014)

Die Idee für dieses kartografische Projekt stammt aus meiner Dissertation über die Medienbezüge in den Schriften von Karl Kraus (1874–1936) und Peter Altenberg (1859–1919), wo ich u.a. einen Text behandelte, den Kraus 1933 in Wien geschrieben hatte: die Dritte Walpurgisnacht

In dem rund 300-seitigen Essay ist ein Wochenende im Mai diesen Jahres von zentraler Bedeutung für seine Beurteilung der zeitgenössischen politischen Situation, nämlich die nationalsozialistische "Machtergreifung" in Deutschland und die österreichischen Reaktionen auf diese Entwicklungen. Durch historische Recherchen konnte ich gut nachvollziehen, weshalb Kraus den 13. und 14. Mai 1933 als einen Wendepunkt erlebte. So entschied ich mich, fünfzehn ausgewählte Ereignisse innerhalb von 24 Stunden dieses Wochenendes – von Samstag um 14 Uhr bis Sonntag um 14 Uhr – auf einer digitalisierten Karte Wiens aus dem Jahr 1933 darzustellen. Betreut von der Medienwissenschaftlerin Shannon Mattern, entstand die erste Version der Website in Zusammenarbeit mit den Software-Entwicklern Rory Solomon und Darius Daftary sowie der Designerin Mallory Brennan an der New School in New York und ging im Juli 2014 auf campusmedius.net online. 

Die Auswahl des empirischen Materials war auch vom Begriff des Chronotopos beeinflusst. Michail Bachtin schrieb in den 1930er Jahren einen Essay über Zeiträume bzw. Raumzeiten in literarischen Werken von der Antike bis zur Renaissance, der nach seiner Publikation im Jahr 1975 in den Literaturwissenschaften sehr einflussreich wurde. 

Dieser Ansatz inspirierte mich, die historische Fallstudie auf 24 Stunden in Wien zu begrenzen – eine zeitliche und räumliche Einheit, die sich nicht nur im Verlauf der untersuchten Ereignisse ergab, sondern auch dem Chronotopos des modernistischen Romans entspricht. Denken Sie etwa an den Ulysses von James Joyce, an Virginia Woolfs Mrs Dalloway, Andrej Belyjs Petersburg oder, um ein anderes Medium zu nennen, den Dokumentarfilm Berlin: Die Sinfonie einer Großstadt von Walter Ruttmann. In all diesen, im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts entstandenen Kunstwerken findet man den Versuch, die Moderne in einem ganz bestimmten Zeit-Raum einzufangen: einem Tag in der Großstadt. 

Der historische Chronotopos von 24 Stunden am 13. und 14. Mai 1933 in Wien ist von sogenannten "Türkenbefreiungsfeiern" geprägt, die der Österreichische Heimatschutz im Schlosspark Schönbrunn und die NSDAP in der Engelmann-Arena abhielten. Dieses 250. Jubiläum der Befreiung Wiens von der "Türkenbelagerung" im September 1683, dessen Feier zu Propagandazwecken vorgezogen wurde, orientierte sich von Grund auf an der massenmedialen Kommunikation: Die rivalisierenden Kundgebungen wurden von der Parteipresse vorbereitet, zum Teil live in Radio Wien gesendet und in Wochenschauen festgehalten. Um eine Gegenöffentlichkeit zu bilden, publizierte die Sozialdemokratische Arbeiterpartei programmatische Leitartikel und veranstaltete "Freiheitsfeiern" in den Wiener Gemeindebauten. Während im Burgtheater das Drama Hundert Tage aufgeführt wurde, das Benito Mussolini mitverfasst hatte, lief in mehreren Kinos Fritz Langs Spielfilm Das Testament des Dr. Mabuse, der in Deutschland verboten war. An anderen Schauplätzen waren die NS-Dokumentation Deutschland erwacht sowie Klassiker des russischen Films zu sehen, nämlich Sergej Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin und Turksib von Viktor Turin. Die Sonntagsausgabe der bürgerlichen Neuen Freien Presse brachte außerdem einen Essay mit dem Titel "Humbug, Bluff und Ballyhoo", der die Public Relations von Edward Bernays beleuchtete, einem Neffen Sigmund Freuds.

Anhand der 24-stündigen Zeitleiste kann verfolgt werden, was sich zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten der Stadt abspielte. 

Die interaktive Karte bietet darüber hinaus die Möglichkeit, das Geschehen im räumlichen Überblick darzustellen. Angeregt von der Forschungsplattform  HyperCities, der Campus Medius generell viel verdankt, haben wir die Ereignisse aber nicht nur georeferenziert, sondern auch eine für historische Mapping-Projekte gängige Technik angewandt, die sich Rektifizierung nennt. In unserem Fall wurde ein  Stadtplan von Wien aus dem Jahr 1933 in der Österreichischen Nationalbibliothek ausgehoben und hochauflösend eingescannt, in eine GeoTIFF-Datei umgewandelt und an die GIS-Daten unserer Basiskarte angeglichen, der  OpenStreetMap Dieser technische Vorgang rief bei mir jedoch ein Unbehagen hervor durch die Vorstellung, dass so eine digitale basemap die Realität repräsentieren soll, von der eine gedruckte Karte mehr oder weniger abweicht. Tatsächlich findet bei der Rektifizierung eine Übersetzung zwischen verschiedenen Projektionen der Wirklichkeit statt, deren historische Entstehungsbedingungen es zu analysieren gilt.  Aufgrund dieser Kritik des kartografischen Verfahrens versuchen wir in der aktuellen Version unseres Projekts, die ich im zweiten Abschnitt vorstellen werde, solche standardisierten Repräsentationen von Raum und Zeit zu hinterfragen und zu verfremden.

Wählte die Nutzerin, der Nutzer in der ursprünglichen Fassung von campusmedius.net eines der Icons auf der Karte aus, erschien ein Akteur-Netzwerk des jeweiligen Ereignisses. 

Diese Visualisierung rührte auch methodisch von der Akteur-Netzwerk-Theorie her, die im Prinzip besagt, dass Handlungen nicht als menschliche Intentionen verstanden werden können, dass nicht ein subjektives Bewusstsein den Entschluss fasst, etwas zu tun, sondern menschliche und nicht-menschliche Akteure aufeinander einwirken und erst dieses Zusammenspiel den Handlungsverlauf ermöglicht bzw. ausmacht.  Wir gestalteten diese grafischen Symbole im Stil des "International System of Typographic Picture Education" ( ISOTYPE), einer konzeptuell universalen Bildsprache, die unter der Leitung des Nationalökonomen und Austromarxisten Otto Neurath, einem Mitglied des Wiener Kreises, seit Mitte der 1920er Jahre entwickelt wurde.  In unserem Projekt dient ISOTYPE jedoch nicht als allgemein gültiges Gestaltungskonzept, sondern im Gegenteil als ein visuelles Vokabular, das exakt zum historischen Umfeld der Fallstudie passt. Die Farben wiesen in Campus Medius 1.0 auf den politischen Hintergrund hin, das heißt, rot stand für kommunistische oder sozialdemokratische, grün für austrofaschistische, braun für nationalsozialistische und blau für bürgerliche Akteure. Klickte die Nutzerin, der Nutzer auf dieses Akteur-Netzwerk-Fenster, dann öffnete sich eine multimediale Beschreibung des Ereignisses mit ausgewählten Fotografien, Tonaufnahmen, Filmausschnitten, Archivalien, Zeitungsartikeln usw. 

Das ist im Wesentlichen die erste Version von campusmedius.net, wie die Website 2014 online ging – eine Art digitale Ausstellung. Der Zugang des Projekts zum Forschungsfeld der Digital Humanities war und ist stark beeinflusst vom  Digital Humanities Manifesto, nach dem die Kultur- und Geisteswissenschaften eine Kuratierung des digital verfügbaren Wissens leisten sollen. Mit jedem historischen Dokument, das digitalisiert wird, steigt die Relevanz dieser Forderung. Am 29. Oktober 2020 machte die Österreichische Nationalbibliothek, zum Beispiel, die 23-millionste Zeitungsseite in Austrian Newspapers Online ( ANNO) verfügbar: Was bringen solche Datenmengen, wenn sie nicht sinnvoll verknüpft werden? Eine Möglichkeit liegt in der Entwicklung von Algorithmen zur Mustererkennung; eine andere besteht darin, dieses kulturelle Erbe in digitalen Monografien zu kuratieren. Wir verfolgten zunächst den letzteren Ansatz, nutzten die vorläufigen Ergebnisse, um unsere theoretischen Konzepte in ein Datenmodell zu übersetzen, und haben begonnen, eine algorithmische Analyse zu entwerfen, ausgehend von der zweiten Projektversion, die ich im folgenden Abschnitt besprechen werde.

2. Topologie: Campus Medius 2.0 (2021)

In der aktuellen, im April 2021 veröffentlichten Version von campusmedius.net, die von Andreas Krimbacher programmiert und von Susanne Kiesenhofer designt wurde, bleibt der oben beschriebene Überblick über den historischen Chronotopos im Modul "Topografie" bestehen, das sich weiterhin aus der 24-stündigen Zeitleiste und dem rektifizierten Stadtplan Wiens von 1933 zusammensetzt. Die fünfzehn Ereignisse sind auf der Karte aber nur mehr durch gewöhnliche pins, Stecknadeln markiert, weil das Konzept der Akteur-Netzwerke in ein neues Modul wechselte, das wir "Topologie" nennen. In diesem Bereich der Website fokussieren wir auf das Hauptereignis des ausgewählten Zeit-Raums – die "Türkenbefreiungsfeier" des Österreichischen Heimatschutzes am 14. Mai 1933 im Schlosspark Schönbrunn, deren Verlauf aus der Vogelschau, im Panorama und in der Straßenansicht anhand von je fünf Mediatoren vermittelt wird. Die narrative Technik, ein Geschehen aus verschiedenen Perspektiven darzustellen, ist aus Romanen, Filmen und TV-Serien bekannt. In Campus Medius 2.0 kommt dieses Verfahren zum Einsatz, um idealtypische Schnittstellen zu konstruieren: Die standardisierten, fast natürlich erscheinenden Repräsentationsweisen von Raum und Zeit in der digitalen Kartografie sollen überdeutlich und den Nutzerinnen und Nutzern dadurch nicht nur bewusst, sondern auch fremd werden.

Ich habe eine Tabelle zusammengestellt, die eine schematische Übersicht über diese multiperspektivische Vermittlung der "Türkenbefreiungsfeier" gibt. 

Konzeptuell liegt dem Schema eine Frage zugrunde, die das Projekt von Anfang an motiviert hat: Was ist eine mediale Erfahrung? Oder präziser gesagt: Was heißt es, in der Moderne eine Medienerfahrung zu machen? Diese Fragestellung geht auf Michel Foucaults Studien über spezifisch moderne Erfahrungsmöglichkeiten zurück.  Aber können wir auch Medialität als ein Erfahrungsfeld im Foucault'schen Sinn begreifen? Was für Möglichkeiten bietet uns das moderne Zeitalter seit etwa der Mitte des 17. Jahrhunderts, mediale Erfahrungen zu machen? Die Tabelle beantwortet diese Frage mit einer zugespitzten These: In der Moderne eine Medienerfahrung zu machen, heißt im Grunde, den Verstand anhand souveräner Zeichen zu gebrauchen, das Leben mit prüfenden Blicken einzufangen oder die Stimme in gelenkten Sendungen zu erheben. Diese drei medialen Erfahrungsmöglichkeiten, die ich mit Foucault Dispositive der Mediation nenne, also Vermittlungsanlagen, kommen in vielfältigen Mediatoren zum Ausdruck. Im Fall der "Türkenbefreiungsfeier" habe ich je fünf solcher Mittler ausgewählt, deren Icons im Stil von ISOTYPE gestaltet  und die auf je spezifische Arten miteinander verknüpft sind. Bei diesen Verknüpfungstypen handelt es sich um unterschiedliche Topologien: Ist der Raum begrenzt oder unbegrenzt, die Zeit endlich oder unendlich? Steht ein Mediator im Zentrum oder sind alle gleichwertig verteilt? Usw. Die Interfaces als visuelle Schnittstellen gehen aus diesen Dispositiven der Mediation hervor, denn ob man aus der Vogelschau, im Panorama oder in der Straßenansicht auf das Geschehen blickt, hängt mit bestimmten Weltbildern zusammen, mit bestimmten Ideologien, die wir aufzuklären versuchen. 

Wie also wurde das neue Topologie-Modul auf der Website implementiert? Ich beginne mit der Mediation "Den Verstand gebrauchen: Souveräne Zeichen" anhand des Mediators Ernst Rüdiger Starhemberg, dem damaligen Bundesführer des Österreichischen Heimatschutzverbandes und Initiator der "Türkenbefreiungsfeier" am 14. Mai 1933 in Wien. 

Dort, wo sich im Bereich "Topografie" die Zeitleiste befindet, können die NutzerInnen in der "Topologie" zwischen den drei Mediationen wechseln. In diesem Beispiel werden die Mediatoren aus der Vogelschau betrachtet und durch Zoomen navigiert. Das Netzwerk ist zentralisiert, das heißt, die Navigation verläuft über einen zentralen Knoten, nämlich diese transzendente, die Dinge überwölbende Position, die nicht nur eine göttliche, sondern auch die Perspektive des Souveräns eröffnet – des Monarchen, der sein Territorium überblickt. Starhemberg waren diese Vorstellungen aus ganz persönlichen Gründen vertraut, denn er stammte aus einer der ältesten Adelsfamilien der Habsburgermonarchie, die 1918 gemeinsam mit dem Ersten Weltkrieg zu Ende ging.  Einer seiner Vorfahren war Graf Ernst Rüdiger von Starhemberg, der erfolgreiche Stadtkommandant Wiens während der "Türkenbelagerung" im Sommer 1683. 

Unter der Führung des Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß schlug die österreichische Regierung im März 1933 einen autoritären Kurs ein. Das Kabinett hinderte den Nationalrat, nach einer formalen Krise die parlamentarische Arbeit wieder aufzunehmen, und regierte anhand von Notverordnungen. Aber es war in diesem Frühling noch nicht klar, wie es politisch in Österreich weitergehen sollte. Unterstützt von Benito Mussolini, dem faschistischen Ministerpräsidenten von Italien, machte Starhemberg dem Bundeskanzler den Vorschlag, eine Massenkundgebung in Form einer "Türkenbefreiungsfeier" abzuhalten, und zwar als öffentliches Bekenntnis zu dem, was er als "Austrofaschismus" und Dollfuß als "Ständestaat" bezeichnete. 

Tatsächlich jährte sich die Befreiung Wiens von der Zweiten "Türkenbelagerung" erst Mitte September zum 250. Mal, aber der von der Parteipresse unterstützte Plan ging auf: Vor den Augen und Ohren von angeblich vierzigtausend Heimwehrleuten, die sternförmig im barocken Garten von Schönbrunn aufgestellt waren,  schworen sich Dollfuß und Starhemberg unter den Klängen der vieldeutigen österreichischen Bundeshymne "Treue um Treue". 

In der zweiten Mediation – "Das Leben einfangen: Prüfende Blicke" – befindet sich die Nutzerin, der Nutzer im Panorama-Modus. Das Netzwerk ist hier nicht zentralisiert, sondern gereiht, das heißt, man muss nacheinander vom ersten bis zum fünften Mediator schwenken. Als beispielhafter Mittler für dieses Interface kann die 35-mm-Filmkamera "Bell & Howell 2709" dienen, die 1912 auf den Markt kam und sich bald zum amerikanischen Standardmodell entwickelte. 

Mir ist die charakteristische Kamera am rechten Rand einer Fotografie der Heimwehrparade aufgefallen, die im Anschluss an die "Türkenbefreiungsfeier" in Schönbrunn abgehalten und auf diesem Bild am Beginn der oberen Mariahilfer Straße, in der Nähe des Wiener Westbahnhofes abgelichtet wurde.  Mithilfe von Technikhistorikern ließ sich nicht nur das Kameramodell identifizieren, sondern im hochaufgelösten Scan des Fotos auch erkennen, dass dieses konkrete Exemplar mit einem Kameramotor und einer Anlage zur Lichttonaufnahme aufgerüstet wurde. Der Film wurde für die Fox Tönende Wochenschau gedreht und ist im Filmarchiv Austria erhalten geblieben. 

Was mich an dem Mediator interessierte, war vor allem die Frage, welche Art von Aufnahmen dieser zusammengebastelte Apparat ermöglichte, wie es die Kamera und der folgende Filmschnitt erlaubten, die Bewegung der Parade festzuhalten. Im Prinzip nahm diese Bell & Howell 2709 die paramilitärische Truppenschau ab, wie es dann am Schwarzenbergplatz im Stadtzentrum die Mitglieder der Bundesregierung taten. 

Und kamen die ZuschauerInnen, die später im Kinosaal die Wochenschau ansahen, nicht in die gleiche Position des prüfenden Abnehmens der sich im Gleichschritt bewegenden Körper? Eine Form der disziplinarischen Prüfung, die einige BewohnerInnen des Wiener Lassalle-Hofs im buchstäblichen Sinn umkehrten, als sie tags zuvor einer Kolonne vorbeifahrender NS-Politiker aus Deutschland nicht die Blicke, sondern ihre entblößten Hintern zuwandten.

Das Interface der dritten Mediation – "Die Stimme erheben: Gelenkte Sendungen" – ist bestimmt durch die street view. Die NutzerInnen können sich in dem verteilten Netzwerk zwar fahrend in alle Richtungen bewegen, kommen aber nicht aus der eingeschränkten Straßenansicht heraus. Der exemplarische Mediator, den ich als Letztes vorstelle, ist die rundfunktechnische Anlage, mit der die Reden der "Türkenbefreiungsfeier" live in Radio Wien gesendet wurden. 

Die von einem dynamischen oder Kohlemikrofon in Elektrizität umgewandelten Stimmen gelangten per Kabel zum Röhrenverstärker, wurden vom Schloss Schönbrunn eventuell mit einem Kurzwellensender, vermutlich aber über Telefonverbindungen zur Zentrale der Österreichischen Radio-Verkehrs-AG (RAVAG) in die Innenstadt übertragen und von dort in speziellen Rundfunkkabeln zum Großsender am Rosenhügel im Südwesten Wiens sowie den Regionalsendern in den Bundesländern weitergeleitet, die elektromagnetische Wellen in den zugewiesenen Längen erzeugten und rundherum ausstrahlten. 

Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei, die als Gegenveranstaltung zur "Türkenbefreiungsfeier" etwa fünfzig "Freiheitsfeiern" in den Wiener Gemeindebauten abhielt, organisierte aus Protest gegen die Livesendung einen "Hörerstreik" mit mehr als zehntausend Kündigungen des Radioabonnements. 

Was die HörerInnen in diesem kollektiven Kündigungsschreiben äußern, ist ein Widerwille gegen staatliche Bevormundung und den deutlichen Willen, die eigene Stimme im Rundfunk zu erheben. Der Protest entspricht den Ergebnissen einer zeitgenössischen Studie der Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle unter der Leitung von Paul Lazarsfeld, der später in den USA als Mitbegründer der empirischen Kommunikationsforschung Karriere machte.  Im Auftrag der RAVAG hatte das Wiener Institut statistisch erhoben, welche Radiosendungen in Österreich gewünscht und welche abgelehnt wurden.  Innovativ an der 1931/32 durchgeführten RAVAG-Studie war vor allem, dass Lazarsfeld die Wünsche und Abneigungen der HörerInnen mit ihren Sozialdaten korrelierte. Das Publikum wird in diesem Forschungsbericht nicht mehr als Masse von Individuen aufgefasst, sondern in spezifische Zielgruppen unterteilt. Hier liegt ein Anfang dessen, was heute als profiling bezeichnet und als Management der Kommunikationsfreiheit begrüßt oder beklagt wird. 

3. Datenmodell und Infrastruktur

In den ersten beiden Abschnitten dieser Einführung habe ich vor allem das front end der Website besprochen, d.h. Fragen im Zusammenhang mit den visuellen Schnittstellen. Am anderen Ende der Software-Architektur befindet sich allerdings ein für die NutzerInnen unsichtbares back end, eine Datenbank, in der alle Inhalte gespeichert sind. Es ist mir wichtig, zu betonen, dass die Entscheidung, welche Entitäten in die Datenbank aufgenommen werden und wie diese Elemente zusammenhängen, ein genuin methodisches Problem ist. Um eine wissenschaftliche Website zu bauen, müssen die Konzepte der Forschungsarbeit operationalisiert werden; es sind zumindest Arbeitsdefinitionen der zentralen Begriffe erforderlich. In einem kultur- oder medienwissenschaftlichen Projekt können diese Aufgaben nicht einfach an InformatikerInnen abgetreten werden, denn: "Die Datenbank ist die Theorie!" 

Wenn eine Website der Komplexität jener theoretischen Ansätze entsprechen soll, die kultur- und medienwissenschaftliches Forschen anleiten, müssen ihr back end und ihr front end fachübergreifend entwickelt werden, also im engen Dialog mit der Informatik und dem Design. In den folgenden Absätzen erläutere ich das Datenmodell, das dem Topologie-Modul von Campus Medius zugrunde liegt. 

Ich beginne mit dem Element am oberen Ende des Diagramms, dem Mediator als einem menschlichen oder nicht-menschlichen Mittler, der in einer Erfahrung gegeben ist und im Handlungsverlauf einen wesentlichen Unterschied bewirkt. In unserer Terminologie ist ein Medium nichts anderes als ein Typ von Mediatoren: Starhemberg tritt bei der "Türkenbefreiungsfeier" als Bundesführer des Österreichischen Heimatschutzes auf, stellt sich ideell aber in eine Reihe von Führerfiguren von den römischen Cäsaren über die habsburgischen Kaiser bis zum faschistischen Duce. Das ist ein Beispiel für ein one-to-many-Verhältnis – ein Medium konstituiert sich aus mehreren Mediatoren. Es war für uns eine wichtige Entscheidung, die Attribute Raum, Zeit und Wert – Letzteres verstanden als die Gewichtung der Knoten im Netzwerk – nicht an den Mediator zu hängen, sondern an die Relation, die zwei Mediatoren verbindet. 

In der digitalen Kartografie ist es hingegen üblich, festzulegen, wo und wann eine Entität vorkommt, also die Position anhand des Längen- und Breitengrades sowie die Zeitdauer zu definieren. Dieses Verfahren setzt allerdings eine Vogelperspektive voraus, einen externen, unveränderlichen Standpunkt, von dem aus Mediatoren situiert werden können. Um nicht auf diesen "Gottestrick" hereinzufallen, mit dem sich alles von nirgendwo sehen lässt,  bestimmen wir Raum, Zeit und Wert relational, d.h. als Differenzen im Netzwerk der Mediatoren. 

Eine Erfahrung ist im Sinn unseres Datenmodells eine individuelle Teilmenge von Relationen sowie der mit ihnen verknüpften Mediatoren. Dem Verhältnis von Medium und Mediator entspricht im Fall der Relation die Mediation, bei der es sich um ein Beziehungsmuster, ein pattern of relations handelt (z.B. die zentralisierte Topologie, die bei der "Türkenbefreiungsfeier" immer wieder auftritt). Mit anderen Worten, eine Regelmäßigkeit von Raum-, Zeit- und Wertbeziehungen – aber was wird in einer Erfahrung eigentlich mediatisiert bzw. vermittelt? Diese Frage verweist auf das Kästchen am unteren Ende des Datenmodells, das die Hauptfunktion des Foucault'schen Dispositivs zusammenfasst, nämlich eine soziale Anforderung strategisch zu beantworten. 

Während Akteur-Netzwerk-Berichte konkrete empirische Fälle beschreiben, um herauszufinden, wer oder was im Handlungsverlauf einen Unterschied bewirkt, fragen Dispositivanalysen nach Typen der Verknüpfung, nach historischen Beziehungsmustern, die in der gegebenen Situation aktualisiert werden. Nehmen wir das oben angeführte Beispiel des Widerstands gegen die Live-Übertragung der "Türkenbefreiungsfeier": Die Leute, die das Radioabonnement aus Protest kündigten, wollten ihre eigenen Stimmen erheben und sich weder politisch beeinflussen noch von oben erziehen lassen – eine kollektive Anforderung, die der österreichische Rundfunk von 1933 nicht beantworten konnte. Mithilfe des emigrierten Paul Lazarsfeld, seiner Frau Herta Herzog und seinem Freund Hans Zeisel lernten jedoch das Columbia Broadcasting System (CBS) und die New Yorker Werbeagentur McCann-Erickson noch während des Zweiten Weltkriegs, wie man freie Meinungsäußerungen in bestimmte Richtungen lenkt. 

Das Akteur-Netzwerk und das Dispositiv sind also die zentralen theoretischen Konzepte, die im Datenmodell von Campus Medius 2.0 operationalisiert werden. 

Bis jetzt habe ich aber nur die rechte Seite des Diagramms besprochen, die ontologische Struktur der Datenbank. Die linke Seite zeigt dagegen, wie die gespeicherten Daten für die NutzerInnen wahrnehmbar werden. Um auf der Website zu erscheinen, muss ein Mediator Information erhalten, er muss durch Texte, Bilder, Ton- oder Filmaufnahmen im buchstäblichen Sinn informiert sein. Die Metadaten dieser multimedialen Beschreibungen können über das Zitatsymbol neben dem Titel der jeweiligen Seite abgerufen und als Linked Open Data (LOD) heruntergeladen werden.  Alle Inhalte sind im Volltext durchsuchbar und stehen unter der Creative-Commons-Lizenz  CC BY 4.0 frei zur Verfügung, mit Ausnahme der urheberrechtlich geschützten Werke, die in Campus Medius zitiert werden. Bei den auf der Website verwendeten Schriften handelt es sich um Open-Source-Zeichensätze, nämlich Source Sans Pro von Paul D. Hunt und Source Serif Pro von Frank Grießhammer.

Ebenso wie ein Mediator ohne Information bleibt auch eine Mediation im Sinn unseres Datenmodells unsichtbar, wenn sie nicht mit einer Schnittstelle verknüpft wird, d.h. mit einer kartografischen Perspektive (z.B. bird's-eye) und einem Navigationsmodus (z.B. zooming). Diese Visualisierungen sind also nicht neutral oder ideologiefrei, sondern selbst Teil des entsprechenden Dispositivs der Mediation. Programmiert wurden sie ebenso wie der Unterbau von campusmedius.net mit Open-Source-Software: das front end in Angular und Mapbox GL JS, das back end in Django unter Verwendung einer PostgreSQL-Datenbank. Der gesamte Projektcode ist auf  GitHub dokumentiert und dort unter der  MIT-Lizenz frei verfügbar. Wir haben die Website zweisprachig in Deutsch und Englisch umgesetzt sowie responsiv für die mobile und die Desktop-Nutzung gestaltet. Sie läuft auf einem virtuellen Server des Zentralen Informatikdienstes der Universität Wien, wobei sämtliche Daten im digitalen Repositorium  Phaidra archiviert sind.

4. Mapping Modern Media

Im letzten Teil der Einführung möchte ich die Pläne skizzieren, die wir längerfristig für campusmedius.net verfolgen. Wir wollen die Website zu einer digitalen Plattform zum Mapping von Medienerfahrungen weiterentwickeln. Angeleitet von einem virtuellen Assistenten, sollen die NutzerInnen eigenständig eine mediale Alltagserfahrung auswählen können, die Bestandteile des Handlungsverlaufs genau beschreiben und visualisieren, wie diese Mediatoren miteinander verknüpft sind. Das analytische Ziel der Plattform wäre es, die konzeptuellen Thesen der historischen Fallstudie einem aktuellen Test zu unterziehen: Heißt, eine mediale Erfahrung zu machen, in den (post)modernen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts immer noch, den Verstand anhand souveräner Zeichen zu gebrauchen, das Leben mit prüfenden Blicken einzufangen oder die Stimme in gelenkten Sendungen zu erheben? Im Fall der "Türkenbefreiungsfeier" ergaben sich diese drei Dispositive der Mediation durch das Zusammenspiel des empirischen Materials mit einer Foucault'schen Theorie der Moderne. 

Ich verwende hier bewusst das Wort Zusammenspiel im Sinn eines wechselseitigen Dialogs, denn keine Daten erklären sich von selbst, aber es führt auch zu nichts, ihnen ein begriffliches System überzustülpen, das sie zu reinen Platzhaltern degradiert. Wir sind jedoch zuversichtlich, dass uns das entwickelte Datenmodell erlaubt, Medien und Mediationen immanent und quasi von unten zu bestimmen, das heißt, in zahlreichen Mappings aktueller Medienerfahrungen Typen von Mittlern und Beziehungsmuster zu erfassen, die für das (post)moderne Erfahrungsfeld der Medialität charakteristisch sind.

Die Idee für diese kollaborative Plattform entstand aus Lehrveranstaltungen, die ich seit 2016 unter dem Titel "Mapping Modern Media" an verschiedenen Universitäten abhalte. Anstatt Datensätze zu georeferenzieren, werden die Studierenden im Sinn einer kritischen Kartografie oder Diagrammatik aufgefordert, alltägliche Medienerfahrungen zu beschreiben und zu visualisieren: Wer oder was spielt in dem konkreten Handlungsverlauf eine Rolle? Wie sind diese Mediatoren miteinander verbunden? Auf welche Forderung antwortet die Medienerfahrung? Und wie könnte eine alternative Antwort aussehen? Für diese Kurse und Workshops musste das Datenmodell von Campus Medius 2.0 in eine Serie von praktischen Operationen bzw. Mapping-Übungen übersetzt werden.

  1. Selektiere: Was ist eine Medienerfahrung? Wähle eine konkrete Situation, einen Handlungsverlauf, der im Alltagsleben eine Rolle spielt, und begründe die Auswahl.
  2. Inventarisiere: Wer oder was ist in der Medienerfahrung gegeben und bewirkt einen Unterschied? Bestimme fünf Mediatoren und beschreibe den Handlungsverlauf aus diesen unterschiedlichen Perspektiven.
  3. Visualisiere: Wie sind die Mediatoren in zeitlicher, räumlicher und evaluativer Hinsicht miteinander verbunden? Stelle die Zeit-, Raum- und Wertbeziehungen der Medienerfahrung in grafischer Form dar.
  4. Analysiere: Was treibt den Handlungsverlauf an? Welcher dringenden Anforderung entspricht die Medienerfahrung? Beobachte und reflektiere gründlich, dann erläutere das Leitmotiv.
  5. Kritisiere: Wie könnte diese Forderung anders beantwortet werden? Welche Mediatoren sind beteiligt? Und wie hängen sie zusammen? Entwirf eine Gegenkarte, die eine alternative Mediation darstellt.

Die Übung beginnt also mit der Selektion: Die Studierenden sollen eine konkrete Situation in ihrem Alltag auswählen, die sie selbst als Medienerfahrung klassifizieren würden, und diese Auswahl begründen. Der zweite Schritt umfasst eine Inventarisierung, es müssen die Mediatoren bestimmt und die Handlungsverläufe aus diesen heterogenen Positionen beschrieben werden. Im dritten Schritt, dem eigentlichen Mapping, entwerfen die Studierenden eine Karte bzw. ein Diagramm, das die Beziehungen der Mediatoren visualisiert, möglichst in räumlicher, zeitlicher und evaluativer Hinsicht, wobei nicht strikt alle drei Perspektiven – Raum, Zeit und Wert – umgesetzt werden müssen. Die Schritte vier und fünf sind als kritische Analyse der gewählten Situation gedacht. Denn es geht nun darum, das Leitmotiv der Medienerfahrung aufzuklären, herauszufinden, was für eine Anforderung in diesem alltäglichen Handlungsverlauf beantwortet wird, und dann eine alternative Antwort in Form einer counter-map, einer Gegenkarte zu geben. 

Warum etwa schauen immer noch Millionen von Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz am Sonntagabend den Tatort im Fernsehen? Weil es so eine spannende Kriminalserie ist – oder vielleicht eine der letzten Möglichkeiten, sich am Lagerfeuer der deutschen Nation zu wärmen (wie eine Studentin von mir behauptete)? Wenn es aber Letzteres sein sollte: Warum nicht die Grimm'schen Märchen lesen, das Deutschlandlied singen oder sich politisch anders orientieren?

Um diese Mapping-Kurse anschaulicher zu machen, präsentiere ich abschließend ein paar studentische Skizzen, Karten und Diagramme. Das erste Beispiel stammt von einem Studenten am Center for Digital Humanities der UCLA, der als Medienerfahrung hookah smoking auswählte, also das gemeinsame Rauchen von Wasserpfeifen, das er als Möglichkeit skizzierte, entspannte Konversation unter Freunden zu betreiben. 

Einer seiner Studienkollegen in dieser 2016 abgehaltenen Lehrveranstaltung erstellte eine Zeitleiste zum Auspacken eines iPhones im Apple Store, das er mit spirituellen Ritualen verglich, und definierte zwei Punkte, von denen es kein Zurück mehr gebe, nämlich die Abnahme der Plastikhülle und das Abziehen des Bildschirmschutzes.  Die folgenden beiden Karten entstanden ebenfalls 2016 in einem Seminar über sound mapping an der Universität Liechtenstein, wo ein Student kartografierte, wie die Geräusche spielender Kinder auf einem nahegelegenen Schulhof seine tägliche Aktivitätskurve beeinflussten.  Ein anderer Teilnehmer dieses Kurses arrangierte Fotografien, um sein Aufwachen zu visualisieren, das allmorgendlich durch einen vorbeifahrenden Zug angestoßen wurde. 

An der Fachhochschule Vorarlberg zeichnete 2017 eine Studentin der Mediengestaltung eine Zeitleiste des Espressokochens, das ihre Morgenroutine in zügige Hygiene und möglichst ruhiges Kaffeetrinken gliedere. 

Eine ihrer Studienkolleginnen unterzog sich einer medizinischen Blutabnahme und bildete diesen Körpereingriff in einer Skizzenreihe ab.  Da sie zu dem Schluss kam, dass es dabei um Selbstversicherung gehe, stellt ihre counter-map einen prüfenden Blick in den Spiegel dar.  Im folgenden Jahr, 2018, entstanden im Design-Studiengang an der FH Vorarlberg u.a. eine visuelle Diskursanalyse einer Werbebroschüre,  eine Videodokumentation der Auswahl eines selfie am Mobiltelefon,  ein Diagramm über das "Gassigehen mit dem Hund an der Leine"  sowie eine Visualisierung des Betrachtens eines fotografischen Ausstellungsobjekts. 

Die nächsten Beispiele stammen aus einer Lehrveranstaltung, die ich 2019 erneut an der Universität Liechtenstein abhielt. Darin beschäftigte sich eine Architekturstudentin mit ihren Einträgen im Skizzenbuch, für die sie während des Tages Gebäude bewusst wahrnehme und dann abends in einem 20-minütigen Arbeitsprozess dokumentiere. 

Als alternativen Umgang mit diesem Bedürfnis, sich ein persönliches Archiv architektonischer Formen zu schaffen, kartografierte sie einige im Rahmen von Studienreisen aufgenommene Fotografien.  Ein anderer Teilnehmer dieses Seminars setzte sich hingegen mit der morgendlichen Dusche auseinander, die er als eine Mittlerin zwischen der Privatheit des Betts und der Öffentlichkeit des Berufslebens beschrieb und visualisierte.  Seine Gegenkarte widmete sich in diesem Sinn dem Autofahren, wo er nicht nur physisch von einem Ort zum anderen, sondern auch geistig zwischen Konzentration und Erinnerungen oder Träumen pendle. 

Die Projekte der Studierenden im Jahr 2020 waren stark von der veränderten Lebenssituation geprägt, die sich durch die pandemische Ausbreitung des Coronavirus ergab. Sie beschäftigten sich einerseits mit der Digitalisierung von Arbeitsabläufen wie im Fall einer Architekturstudentin, die ihre körperliche Unruhe bei Videokonferenzen beobachtete und diese "rastlose Energie" auf einer Zeitleiste darstellte. 

Anderseits gab es mehrere Versuche, die Tage daheim zu strukturieren, beispielsweise durch Meditationsübungen,  regelmäßiges Pflanzengießen  oder das Verfüttern von Medikamenten an den Kater nach einem fixen Zeitplan.  In den hier genannten Projekten geht es den Studierenden zufolge um Kommunikationsprozesse, die teils über technische Geräte mit anderen Menschen ablaufen, teils an sich selbst, an Blumen oder Haustiere gerichtet sind.

Alles in allem sind diese Kurse und Workshops durchaus experimentell, eine Art Labor zur Entwicklung unserer digitalen Mapping-Plattform, die auch der Medienbildung dienen soll. Analytisch gesehen, liegt die größte Herausforderung darin, zwar ein klares methodisches Verfahren zu definieren, die Gestalt der Medienerfahrungen aber so offen wie möglich zu halten. Wir wollen den campus medius, das mediale Feld, gemeinsam kartografieren, sei der untersuchte Handlungsverlauf die Aufnahme eines Selfies oder das Gassigehen mit dem Hund. Trotz dieser inhaltlichen Offenheit müssen die Ergebnisse vergleichbar sein, sodass sich über die Menge der Mappings zum einen Medien als Typen von Mittlern und zum andern Mediationen im Sinn von Beziehungsmustern erkennen lassen.

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